Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft
- Journal
- Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft
- Volume
- XXi (1929)
- Date
- 1929-01-01
- Page
- – (sequence 344)
- Language
- German
- Belongs to
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- IRI
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271 daselbst. Auch unter den Juden herrscht hier teilweise grosse Not, die von verschiedenen philantropischen Vereinigungen nach Möglichkeit gelindert wird. Man glaubt sich hier in eins der rassischen Ghetti versetzt. Jiddisch wird überall gesprochen, und auch die Kinder der Einwanderer, die selbst schon englische Schulen besuchen, sprechen diese Sprache im Verkehr mit ihren Eltern oder verstehen sie zum mindesten. Auch jiddische Geschäftsaufschriften in hebräischen Buchstaben sind zu sehen, kurzum man glaubt nicht, auf afrikanischem Boden zehn Minuten vom brandenden grossstädischen Verkehr der Adderleystrasse zu sein. Es gibt mehrere jüdische Buchhändler im Judenviertel, ein Zeichen, dass die Liehe zum jüdischen Buche auch hier im neuen Vaterlande nicht erstorben ist. Erwähnt mag noch werden, dass das jüdische Ghetto, das den sechsten Distrikt der Stadt einnimmt, zum Wahlbezirke des früheren jüdischen Abgeordneten und Advokaten Alexander gehört, der seinen ununterbrochenen Sitz im hohen Hause vom Jahre 1908 bis zum Jahre 1929 zum guten Teile auch seinen jüdischen Mitbürgern im Ghetto verdankt. Den geistigen und religiösen Mittelpunkt des Judenviertels bildet das neue Beth Hamidrasch, auch Constitution Street Schul nach der Strasse, in welcher es sich befindet, genannt. Es entstand aus einer im Jahre 1900 errichteten Chewrah. 1901 wurde das Beth Hamidrasch erbaut und hat seit seiner Gründung schlechte und gute Zeiten gesehen. Aber immer sind seine Türen für jederman offen gewesen. Es war und ist eine Zufluchtsstätte für Neuankömmlinge, in welcher man sich heimisch und in die Judenghettis des ״Kownoer Guberniums“ zurückversetzt fühlt. Es hat sich immer für das traditionelle Judentum eingesetzt, und die Stimme der Torah ist auch heute noch in seinen Hallen nicht verstummt.