Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft
- Journal
- Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft
- Volume
- XVIII. (1927)
- Date
- 1927-01-01
- Page
- – (sequence 371)
- Language
- German
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328 Einleitung. Die Frage, wann nach einer Konjunktion zwischen Sonne imd Mond die schmale Mondsichel zum ersten Mal am westlichen Abendhimmel mit dem blossen Auge wahrgenommen werden kann, ist im Altertum von der grössten Bedeutung gewesen. Fast alle antiken Völker haben den neuen Monat mit eintretendem Neulicht — so wird diese Erscheinung genannt — begonnen. Es braucht nicht besonders hervorgehoben zu werden, dass aus diesem Grund der Beobachtung des neuen Mondes sehr grosser Wert beigemessen worden ist; zahlreiche Überlieferungen aus jener Zeit geben uns Zeugnis von der Gewissenhaftigkeit, mit welcher dieses allmonatliche astronomische Ereignis registriert worden ist. Es ist wahrscheinlich, dass die Priester- und Gelehrtenklasse eines jeden Volksstammes in der Lage gewesen ist, das genannte Phänomen im voraus zu berechnen; die Regeln, nach welchen dies geschehen ist, sind aber nicht bekannt. Mit Beginn des Mittelalters sind an Stelle der beobachteten Neulichter meistens die berechneten mittleren Mondkonjunktionen als Monatsanfänge getreten. Dieser Zweig der Astronomie wurde zur Chronologie. Nichtsdestoweniger hat die Aufgabe, durch Rechnung die Zeit der Sichtbarkeit der neuen Mondsichel für einen bestimmten Erdort zu finden, noch späterhin die Astronomen beschäftigt; mit Sicherheit lässt sich annehmen, dass eine grosse Anzahl mathematischer Handschriften über dieses Thema verloren gegangen ist. Eine klare, kurze Darstellung unseres Gegenstandes findet sich, soviel ich weiss, nirgends. In dem zur Genüge bekannten Almagest des Ptolemäus — dessen deutsche Bearbeitung durch Manitgus das höchste Lob verdient — sucht man vergeblich Belehrung darüber. Nicht besser bestellt ist es mit den vielen astropomischen Publikationen aus dem Mittelalter, von denen eine ganze Reihe in den letzten Jahrzehnten in lateinischer Übersetzung oder in einer modernen Sprache neu herausgegeben worden ist. Charakteristisch ist, dass die bedeutende Histoire de Tastronomie von Delambre aus dem Anfang des 19. Jahrhunderts und das ebenso hervorragende und bis in die Neuzeit reichende Handbuch der Astronomie von Rud. Wolf unsere Frage kaum erwähnen.