Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft
- Journal
- Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft
- Volume
- VI. 1908 - 5669 (1909)
- Date
- 1909-01-01
- Page
- – (sequence 308)
- Language
- German
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Gesetz und Ueberlieferung bei den Juden Babyloniens in vortalmudischer Zeit. Ein Vortrag von Rabbiner Dr. H. Kottek in Homburg. Zwei Mal sah Israel in seiner Geschichte Jerusalem zerstört und den Tempel durch Feuer vernichtet; das erste Mal durch Nebukadnezar, König von Babylonien, das zweite Mal durch Titus, den Römer. Ein Zeitraum von etwa 650 Jahren liegt zwischen diesen beiden traurigen Ereignissen unserer Vergangenheit. In ihnen beiden hat Israel unermessliches Leid getroffen, zu Hunderttausenden wurden sie hingemordet, und die blühenden Fluren Palästinas, die von Milch und Honig flössen, wurden zur Einöde. Ungleich aber war das Geschick der Ueberlebenden. Die Römer Hessen den Juden keine Heimat; wer nicht in die Gefangenschaft verkauft oder dem traurigen Lose der Tier- und Menschenkämpfer verfallen war, musste in der grossen weiten Welt sich eiue neue Heimat suchen. Anders aber der Babylonier; einem kleinen Reste der Besiegten Hess er eine beschränkte Selbstständigkeit und die grosse Masse der überlebenden Juden führte er nach Babylonien und wies ihnen dort Wohnsitze an, wo sie in geschlossenen Massen unter sich nach ihren alten Sitten und Gewohnheiten lebten. Man war bisher der Ansicht, dass die Juden nur sehr wenig Gesetze nach Babylonien nahmen; denn man glaubte, dass während der Zeit des ersten Tempels fast alle dem Götzendienste huldigten und man von einem Leben nach der Thora und ihren Bestimmungen nichts wusste. Es ist das Verdienst Isak Halevys, auch hier die völlige Unhaltbarkeit dieser allgemein verbreiteten Ansicht nachgewiesen