Mannheim
Compact Memory

Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft · 1910-01-01 · VII. 1909 - 5670 (1910) · page 217

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft
Volume
VII. 1909 - 5670 (1910)
Date
1910-01-01
Page
– (sequence 217)
Language
German
Belongs to
journal volume
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3486266-3486279--2710-3488630
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

157 schäftigcn. Einer erübrigt noch. Es ist die Betonung der ganz gegensätzlichen Zukunft, die dem prophetischen Auge sich für Jerusalem und für die heidnische Stadt erschliesst. Alles Unglück, das Jerusalem und Juda trifft, auch das schrecklichste, seine vollständige Zerstörung, vermag das Triebkorn einer besseren Zukunft, das verborgen unter den Trümmern schlummert, nicht zu vernichten, vermag den letzten Funken nicht zu verlöschen, der zur grossen, herrlichen Lohe einer aussichtsreichen Zukunft einstens wieder angefacht werden soll. Alles Unglück hat den Sinn der Läuterung, der Besserung für das Volk, dem eine hohe geistige und sittliche Bestimmung geworden ist und das um dieser Welt- Mission willen nicht untergehen kann und darf, mag auch sein Heiligtum zerstört, seine Stadt zertrümmert, sein Land ihm genommen sein, vorausgesetzt freilich, dass seine, wenn auch in alle Richtungen der Windrose hinausgostossenen Söhne sich auch fort und fort als Träger dieser Mission betrachten. Im Gegensatz hiezu trägt die Verkündigung gegenüber den heidnischen Reichen und Städten, also auch gegenüber Tyrus, einen fatalistischen Zug. Kein Ausblick froher Hoffnung für die Zukunft bietet sich dem prophetischen Auge. Kriegerische Eroberungen, Grösse des Handels, Pracht und Reichtum begründen eben keine Zukunftswerte, verbürgen keine Ewigkeitsdauer. Ob die Geschichte den Propheten Recht gegeben hat? Die Ruinen von Tyrus mögen Schiedsrichter in dieser Frage sein. Sie sind eine traurige Verkörperung des von den Propheten über Tyrus ausgesprochenen Fluchs. Selbst seine merkwürdige, an so vielen Wechselfällen reiche Geschichte wäre der Nachwelt, wenigstens in ihren interessantesten Partien, vorenthalten geblieben, wenn nicht das heilige Buch der Bibel, das Interesse der Propheten und späterer jüdischer Schriftsteller, ohne die uns kaum der Name auch nur eines tyrischen Königs erhalten geblieben wäre, für ihre Ewigkeit im Gedächtnisse der Geschlechter gesorgt hätten. (Herodot weiss nichts von Nebukadnezar und Nebukadnezars Inschriften berichten mehr von seinen grossartigen Bauten, als von seinen Kriegszügen.) Und dennoch lebt Tyrus in der gemeinsamen Erinnerung an Phönizien überhaupt im Gedächtnis der Menschen fort durch

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.