Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft
- Journal
- Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft
- Volume
- V. 1907 - 5668 (1907)
- Date
- 1907-01-01
- Page
- – (sequence 278)
- Language
- German
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Die Behandlung des Problems der Notlüge im Talmud. Von Distrikts״Rabbiner Dr. Salomon Stein in Schweinfurt. Das Leben wird nicht nur mit Rücksicht auf die Erhaltung und Behauptung der sozialen und sittlichen Persönlichkeit ein Kampf genannt, sondern mit ebenso viel Recht im Hinblick auf die Konflikte, die sich aus der gleichzeitigen Anforderung sich einander ausschliessender Pflichten für den Menschen ergeben. Einer der häufigsten dieser Konflikte im Leben ist der, an den uns das Wort ״Notlüge“ erinnert. Die Notlüge setzt immer einen Kampf voraus; es ist dies der Kampf zweier Pflichten, zweier Tugenden. Auf der einen Seite stellt in diesem Kampf die gebieterisch auftretende, unbezweifelbar heilige Pflicht der Wahrheit, die Kardinaltugend aller Sittlichkeit, der kategorische Imperativ der Aufrichtigkeit; auf der anderen Seite finden wir entweder die Rücksichtnahme auf uns selbst, also die Pflicht der Selbsterhaltung, die Anforderung eines gesunden, berechtigten Egoismus oder die Rücksichtnahme auf uns teuere Personen, deren Leben oder Wohl in Gefahr sich befindet, die selbstlose Sorge um andere oder endlich unser sozial empfindendes Gewissen mit der Fürsorge für wertvolle Güter der Menschengesellschaft, die Sorge um das friedliche Zusammensein und Zusammenleben der Menschen. Ein Kampf liegt immer vor, wenn die Notlüge aktuell wird. Die Praxis des Lebens hat nun ganz entschieden im grossen und ganzen bezüglich der Schlichtung dieses Kampfes das Wort gesprochen; sie hat die Notlüge mehr oder weniger zugelassen. Wir üben sie vielfach in der Erziehung — denken wir nur an die Auskünfte über sexuelle Dinge! — in dem Verhalten zu Kranken, in Fällen schwerer Not und Gefahr ganz unbedenklich; der gesunde Menschenverstand, der sittliche Takt entscheidet im einzelnen Fall. Freilich können diese Faktoren