Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft
- Journal
- Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft
- Volume
- IV. 1906 - 5667 (1906)
- Date
- 1906-01-01
- Page
- – (sequence 414)
- Language
- German
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901 steckung der einzelnen Perioden. Noch wichtiger ist der Nachweis, dass die Geistesarbeit der talmudischen Periode eine ge- * ineinsame Arbeit aller jüdischen Gelehrten aller Länder war. Alle Vorgänger Halevys hielten es für ausgemacht, dass zwischen den einzelnen Schulen und den verschiedenen Ländern Meinungsdifferenzen bestanden, die oft zu vollen Gegensätzen und Uneinigkeiten führten. Halevy weist nach, dass diese Auffassung, so einleuchtend sie dem nach geschichtlichen Erscheinungen anderer Völker orientierten Verstände ist, in der jüdischen Ge״ schichte keinen Platz hat. Die quellenmässige Forschung kommt zum entgegengesetzten Urteil. Es bestand zwischen den einzelnen Schulen und den Ländern Palästina und Babylonien ein reger und ständiger Ideenaustausch, wie er besser gar nicht denkbar ist. Denn man strebte danach, in der Mischnah und dem Talmud einen gemeinschaftlichen Bau auszuführen, so dass der babylonische und jerusalemische Talmud fast als e i n Werk zu betrachten sind, dessen Teile der Form nach wohl verschieden, dem Inhalt nach aber sehr ähnlich sind. Mit dieser glänzenden Beweisführung Halevys fallen alle Vorwürfe, welche Weiss in seiner Traditionsgeschichte den Uneinigkeiten der Babbinen macht, wie ein Kartenhaus zusammen. Von ganz besonderem Wert ist natürlich auch die Fest- Stellung, dass der Sitz der jüdischen Gelehrsamkeit in den letzten Zeiten des ersten Tempels nach Babylonien verlegt wurde und dort bis zum Abschluss der gaonäischen Epoche ununterbrochen bestand. Nur durch diese Klarstellungen lässt sich die Annahme aufrecht erhalten, dass die mündliche Tradition von gleich hohem Alter wie die schriftliche Lehre ist. Wir haben nunmehr ein gutes Recht dazu, anzunehmen, dass dieselbe, von den alten vorexilischen Propheten nach Babylonien gebracht, sich daselbst unverändert fortpflanzte. Um ferner den Grund der seit Hillel und Schammai entstehenden MeinungsdifFerenzen zu erklären, fühlt Halevy sich genötigt, die Verfolgungen der Hellenisten gegen ihre Gegner, die patriotischen Weisen, zu beschreiben. Bei dieser Gelegenheit beweist er, dass die Sadduzäer nur eine Fortsetzung der Hellenisten waren, deren Tendenz nie eine religiöse, sondern ausschliesslich eine politische war. Ihr ganzes Bestreben war darauf gerichtet, politische Macht zu erlangen.