Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Journal
- Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Volume
- 18 (1934) Prag, 21. August bis 4. September 1933
- Date
- 1934-01-01
- Page
- Seite 30 (sequence 30)
- Language
- German, English, Hebrew
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30 1. Kongreßsitzung: Eröffnung wären nicht ernst zu nehmen. Die damalige offizielle, assimilatorisch und antizionistisch orientierte Judenheit verengte das Problem fundamental und absichtlich, indem sie es nur von Fall zu Fall, lokal und momentan, durch Beschönigung und Bemäntelung apologetisch behandeln wollte. Als ob die Geschichte und die Tragödie unseres Volkes eine zusammenhanglose Reihe von augenblicklichen Zufälligkeiten wäre! Sie wollte die heranrückende Katastrophe und Judenhetze nicht sehen und sie wurde nicht müde, unserer öffentlichen Meinung Scheuklappen umzubinden, um das Mene Tekel der gefahrdrohenden antisemitischen Geistesepidemie nicht zu bemerken. Deshalb stießen wir äuf taube Ohren! Deshalb gab es Menschen, die sich Juden nannten, die sich sogar Rabbiner nannten, die in schweren Augenblicken uns in den Rücken fielen und mit einem geringschätzigen Lächeln der Ueberweisen uns als Träumer verhöhnten. Sie trieben Vogel Strauß- Politik. Die emanzipierte, aufgeklärte, westeuropäische Judenheit glich damals einer Anzahl zerstreuter und getrennter Schwärme dieser Vogelart, mit ihren in kleine Sandhäufchen gesteckten Köpfen, von denen jeder der Reihe nach mit hochmütiger Selbstzufriedenheit verkündete, sein Sandhäufchen sei das behaglichste, die Köpfe darin am tiefsten vergraben. Daß gerade in Deutschland der Assimilationsdusel die Laune hatte, Zion und Jerusalem aus den zweitausendjährigen Gebetbüchern auszumerzen, in der Gewißheit, dadurch für alle Zeiten die Liebe der Mitbürger zu sichern, oder daß die Münchener Kehilla uns 1897 m?5ihrer" Stadt den Kongreß nicht abhalten ließ, ein Be~ ischluß, bei dem die damalige Chewra Kadischa den Ausschlag gegeben haben soll, bleibt eine bittere Ironie der Geschichte. PHILANTHROPIE ODER SELBSTHILFE? Ja, wir waren Träumer, aber die anderen waren Nachtwandler. Ihre Methode war das Nichtsehenwollen, die Verlegenheit, die Ratlosigkeit, das servile Leisetreten und das Spinnen an Geweben, welche der nächste Tag zerreißt. Sie wollten einfach das jüdische Problem wegleugnen. Die besseren Elemente, von edlen Gefühlen beseelt, griffen zur Philanthropie. Nun unterliegt es wohl keinem Zweifel, daß Philanthropie eine lobenswerte menschliche Tugend, insbesondere eine jüdische Tugend ist, der wir alle, Zionisten oder Assimilanten, begeistert huldigen, die wir alle opfermutig und bereitwillig pflegen und üben. Aber Staatskunst von der Philanthropie, oder eine nationale Renaissance-Bewegung von einer Chewra Kadischa zu erwarten, das erinnert an den Mann, der ein Automobil in einer. Apotheke kaufen wollte und entrüstet war, dieses Objekt dort nicht zu finden. Jede Sache hat eben ihren Platz, in kleinen wie in großen Dingen. Noch nie in der Geschichte der Menschheit hat es die Philanthropie allein vermocht, ein in seiner Existenz bedrohtes Volk durch Barmherzigkeit zu retten. Sie kann innerhalb eines normalen Volkes helfen^ aber sie kann nicht dort Wunder schaffen2 wo die Existenzgrundlage durch Heimatlosigkeit und Entrechtung systematisch zerstört wird. Um Philanthropie