Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Journal
- Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Volume
- 17 (1931) Basel, 30. Juni bis 17. Juli 1931
- Date
- 1931-01-01
- Page
- Seite 278 (sequence 281)
- Language
- German, English, Hebrew
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3476254-3476288--8086-3484235- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
278 io. Kongreß-Sitzung: Referat über die Lage der Juden im Galuth Das Städtchen ist ganz ruiniert, die Großstadt wächst, aber dort nehmen die Erscheinungen der Verwilderung und Pauperisierung der Juden zu. Die jüdische Intelligenz, die die Thora nicht mehr kennt, weiß nicht, was sie tun solL Die jüdische Jugend weiß nicht, wohin sie gehen soll. Die Alten sterben aus in Not uiid Verzweiflung. In all diesen Ländern entsteht eine neue jüdische Forderung, von der unsere Väter nichts wußten, die Forderung nicht nur nach bürgerlichen oder sozialen Rechten, sondern nach dem Recht auf Arbeit, dem Recht, eine Existenz zu haben. Das ist die Hauptforderung der jüdischen Massen: sie wollen sich finanziell und ökonomisch nicht so exploitieren, sie wollen sich nicht den Strick um den Hals legen lassen. Sie werden durch ungeheure Steuern erwürgt. Und von diesen Steuern haben sie keinen Nutzen, denn der größte Teil der jüdischen Steuern wird für die allgemeinen Bedürfnisse des Staates verbraucht. Wenn die Juden ihre Bedürfnisse befriedigen wollen, so müssen sie sich freiwillig; weitere Steuern auferlegen. Jeder Jude zahlt doppelt und dreifach, was der nichtjüdische Bürger des gleichen ökonomischen Standeszahlt. Das Schlimmste aber ist, daß alle Tore der Welt vor den Juden verschlossen sind. Alle Länder, wohin die Juden vor dem Kriege auswandern konnten, sind ihnen jetzt gesperrt. All diese Erscheinungen sind in der jüdischen Geschichte nicht neu. Sie charakterisieren die Galuth. So sieht die Galuth in allen Ländern aus. Immer und' überall, in allen Ländern und Zeiten wurden Juden verdrängt und ausgestoßen, doch sie nahmen den Wanderstab zur Hand und gingen von dem Lande, aus dem man sie stieß, in ein anderes Land. So ging man von Westen nach Osten bis: nach Rußland, bis man an die russische Mauer kam, und dort blieb man stehen, weil man nicht weiterkonnte- Wir meinten, wenn eine Revolution käme, würde sich das ändern, die weiten Gebiete Rußlands würden sich den Juden öffnen. Inzwischen sind die aufgestauten jüdischen Massen nach dem Westen gegangen,, haben den Ozean überquert und im Laufe von 50 Jahren haben sich in Amerika,. besonders in den Vereinigten Staaten, etwa fünf Millionen Juden gesammelt. Noch ist die Zeit nicht gekommen, ihr Leben zu analysieren. Verschiedene Anzeichen deuten darauf hin, daß ihr Leben ungefähr dieselben Formen und Inhalte haben, nach denselben Gesetzen sich entwickeln wird, wie das europäische. Eines der bedeutsamsten dieser Anzeichen ist, daß die Tore Amerikas verschlossen undverriegelt wurden, wohl für jedermann, besonders aber für Juden. So ist der jüdische Wanderer gehemmt, und es ist bereits so weit gekommen, daß das kleine- Erez Israel, das in Schmerz und Qual durch uns gebaut wird, zu einem Immigrationsland wird, das mit den alten Einwanderungsländern zu konkurrieren beginnt. Meine Damen und Herren! Wenn ich Ihnen hier das jüdische Leben darstelle, so sehe ich ein Bild vor mir: Es scheint mir, daß in allen Ländern, besonders in den Ländern, wo große jüdische Massen wohnen, eine gewaltige furchtbare Zentrifuge arbeitet, in die wir hineingeraten, hineingeschleudert sind. Sie rotiert mit furchtbarer Geschwindigket, absorbiert die Juden, verwandelt sie und wirft den Rest als unbrauchbar aus. Von diesem Bilde kann ich mich nicht befreien. Das jüdische Volk erscheint den Nichtjuden unter dem Symbol des wandernden Juden. In diesem Symbol steckt eine tiefe Wahrheit. Der Träger des jüdischen Volksgedankens, des jüdischen Volkslebens war immer der wandernde Jude, der ausgestoßene, der verdrängte Jude, der einen Ort der Ruhe sucht, der sich neue Lebensformen schaffen muß, weil die Lebensformen, denen er sich an-