Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Journal
- Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Volume
- 17 (1931) Basel, 30. Juni bis 17. Juli 1931
- Date
- 1931-01-01
- Page
- Seite 272 (sequence 275)
- Language
- German, English, Hebrew
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272 io. Kongreß-Sitzung: Referat über die Lage der Juden im Galutb REFERAT ÜBER DIE LAGE DER JUDEN IM GALUTH. JIZCHAK GRÜNBAUM (Rad., A.C. — spricht jüdisch): Mit ehrfürchtigem Gefühl und mit Zittern vor der Verantwortung betrete ich diese Tribüne* auf welcher vor 34 Jahren zum ersten Mal die Stimme eines stolzen Juden über die Lage unseres Volkes im Galuth ertönte. Er weinte nicht, er klagte nicht, er trieb nicht Apologetik, er verdeckte und verschleierte nicht — mit offenem, tief eindringendem Auge, voll Schmerz und Zorn, blickte er furchtlos in die jüdische Wirklichkeit, deckte die Wunden auf, sprach bittere, schreckliche Wahrheit aus. Mein Beben und meine Furcht werden noch verstärkt, da ich meine Worte in einer Sitzung zu sagen habe, die dem Andenken jenes Führers gewidmet ist, der als erster das Wort von der Judennot geprägt hat, auf den tragischen Inhalt dieses Begriffes hinwies und den schöpferischen Mut fand, die Forderung eines Judenstaates in die Welt zu schleudern als Antwort auf das bis dahin unlösbare Problem des Wandervolkes. Diese zwei großen und unvergeßlichen Wegweiser haben uns gelehrt, wie wir unsere Wirklichkeit festigen sollen, haben uns den Übergang von der Finsternis des Galuth zum Licht der Erlösung durch eigene Arbeit und Kampf gewiesen. Das bittere Schicksal will es, daß ich meine Übersicht mit einer blutigen Erscheinung im jüdischen Leben beginnen muß, von der ich diesmal nicht sprechen wollte. Ich muß meine Übersicht mit einem blutigen Pogrom beginnen, der vor einigen Tagen in Saloniki vorgekommen ist. Saloniki, das alte Zentrum des jüdischen Volkes im Süden, die Stadt der großen Männer der Kabbala, die jüdische Stadt mit der großen jüdischen Mehrheit, diese Stadt begann nach dem Kriege als jüdisches Zentrum liquidiert zu werden. Sie geriet in die Hände der Griechen, und da begann die Liquidation, die Juden von Saloniki begannen in verschiedene Länder auszuwandern. Aber niemand konnte sich vorstellen, daß Saloniki der Schauplatz eines blutigen Pogroms werden würde, daß Saloniki jene Schlächtereien zu spüren haben würde, von denen man glaubte» daß sie nur das Los der russischen Juden seien. In den Nachkriegsjahren waren wir gezwungen, oft von Pogromen zu sprechen, diesen Begriff zu analysieren, neue Abstufungen dieses Begriffes zu schaffen. Denn Völker und Regierungen der Länder, in denen Pogrome vorkamen* sagten, daß nicht alles Pogrom heißt, und daß nicht immer, wenn Juden hingeschlachtet, überfallen oder beleidigt werden, dies ein Pogrom sei. Man begann* Formeln für den Pogrom zu suchen und die Opfer zu zählen. Wenn nur zwei Juden auf der Strecke blieben, dann sagte man: Das soll ein Pogrom sein? Das ist doch nichts! Und wenn es irgendwo gar keine Menschenopfer gab, sondern die Juden nur gequält und beleidigt wurden, dann hieß es: Was wollt Ihr denn, das ist doch kein Pogrom! Keine einzige Regierung gab zu, daß sie zufrieden sei, wenn man Juden prügelt, oder plündert, geschweige denn mordet, keine einzige gab zu, daß sie wünsche, man möge die Juden prügeln. Im Gegenteil — man verübelte es uns, wenn wir zuviel von Pogromen sprachen, man wollte, wir mögen derlei Dinge verhüllen und verschleiern, und wenn wir dies nicht taten, dann verschrie man uns als Feinde des Landes, in dem solche blutige oder unblutige Beleidigungen von Juden vorkamen. Es ist richtig, man verteidigt uns. Jede Regierung hat bekanntlich die allererste Pflicht, Ruhe und Ordnung im Lande zu sichern, Vorkehrungen zu treffen* daß nicht umsonst Blut vergossen werde und man nicht ruhige Bürger überfalle-