Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Journal
- Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Volume
- 16 (1929) Zürich, 28. Juli bis 14. August 1929
- Date
- 1929-01-01
- Page
- Seite 572 (sequence 710)
- Language
- German, English, Hebrew
- Belongs to
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572 1. COUNCIL-SITZUNG: Eröffnungsreden tums im Heiligen Lande. Inwiefern diese Anschauung jener Kreise richtig ist, ist hier weder die Zeit noch der Ort zu diskutieren. Ich selbst stehe in keiner Partei, um so mehr aber fühle ich mich zu einigen allgemeinen Bemerkungen berechtigt. Schwer ist ein Land zu bauen, noch schwerer ihm Lebensdauer zu sichern. Wenn man mit Begeisterung von Erez Israel spricht, so muss man vor allem an „Am Jisroel" denken. Das Land kann Ja nur für das Volk heilig sein, und wenn von einer Sicherung der Lebensdauer des Landes die Rede ist, kann ja nur die Lebensdauer des Volkes damit gemeint sein. Dass das jüdische Volk trotz seiner zweitausendjährigen Martyrologie noch besteht, während viel grössere und mächtigere Völker längst verschwunden sind, dieses Faktum ist nach jeder menschlichen Berechnung unbegreiflich, jedoch wir Gläubigen wundern uns darüber nicht. Wir glauben, dass Israel durch den Machtspruch Gottes existiert, der ihm ewiges Leben zusagt. „Wenn sie selbst in Feindesländern sind, verschmähe ich sie nicht, dass ich sie bis zu ihrem Untergang verlassen sollte." Diejenigen aber, denen dieser Glaube fehlt, müssen sich jedenfalls sagen: wir stehen bei der wunderbaren Lebensfähigkeit des jüdischen Volkes vor einem Welträtsel, das logisch und geschichtlich unerklärbar bleibt. Wenn man uns etwa vor eine neu erfundene Maschine stellen würde, deren Konstruktion und Triebkraft uns ein Geheimnis ist, dann würden wir uns natürlich mit peinlichster Vorsicht gegenüber diesem Mechanismus verhalten, würden es nie wagen, auch nur das mindeste an ihm zu rütteln, die kleinste Schraube ihm wegzunehmen, solange wir nicht wissen, in welchem Punkte der Kern der Erfindung steckt. Ist nicht noch viel grossere Vorsicht geboten, wenn man Experimente machen will bei der Gestaltung unseres geistigen Lebens im Heiligen Lande? Es ist wahr, dass das Judentum eine Feuerprobe seiner unerschütterlichen Lebenskraft geliefert hat; aber welches Judentum hat diese Probe bestanden? Das Judentum der Propheten und Tanaiten, ein Judentum von Rabbi Jochanan ben Sakkai und Rabbi Akiba, von Maimonides und Gerundi, ein Judentum von Thora und Sabbath. Dass es aber noch tausende Jahre wird fortleben können, wenn man ihm die Schraube der Thora und Mizwah wegnimmt und ihm nur ein Bündel von abstrakten Nationalideen lässt, dafür haben wir keine Probe und keine Garantie! Nach diesen Erwägungen sind wohl die Bedenken jener orthodoxen Kreise nicht mit leichter Hand abzuweisen. Die Agency aber kann und soll Mittel finden, auch jene Bedenken zu zerstreuen, und die Brücke bilden, die auch jene Brüder zu uns herüberführt. Ein Gott, ein Volk und ein Geist soll unsere Losung sein! Nur durch die vollkommene Einigkeit kann die Sonne uns ganz aufgehen und das Prophetenwort in Erfüllung gehen; Es werden Völker deinem Lichte nachgehen und Könige deinen Glanz zu ihrem Leitstern nehmen. (Lebhafter Beifall.)