Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Journal
- Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Volume
- 16 (1929) Zürich, 28. Juli bis 14. August 1929
- Date
- 1929-01-01
- Page
- Seite 245 (sequence 383)
- Language
- German, English, Hebrew
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Sokolow 245 wir uns nicht: manche Misserfolge, die wir erlitten haben, sind nicht von dem einen oder anderen verursacht worden, sondern von einer bedauernswerten Fahrlässigkeit, die in unseren eigenen Reihen eingerissen ist. Es ist hier gesagt worden, es gäbe zwei Wahrheiten. Es gibt keine zwei Wahrheiten, es gibt nur eine Wahrheit. Aber es gibt zwei Methoden der Erkenntnis, die eine ist die Methode, in der man alles erklären und rechtfertigen kann, die andere die Methode des gesunden Menschenverstandes. Ich will auch beide Methoden anwenden. Wenn ich z. B. vor dem Problem stehe, dass Polen versagt hat, so frage ich: Meine Freunde, warum hat Polen versagt? Dann aber sage ich mit meinem gewöhnlichen Verstände, es ist ein grosses Uebel, dass es versagt hat. Nun werden Sie sagen, ich möchte mit diesem Problem zur Organisation gehen, und werden mir so eine entsprechende Instanz zuweisen. Dort werde ich mit der blossen Konstatierung der Tatsache abgefertigt werden, denn ich bin kein Organisationsspezialist. Der Vorzug einer Generaldebatte aber ist, dass hier Nichtspezialisten mitreden und dass sie die Dinge von einer allgemeinen Warte betrachten können. Eines noch zum Schluss: Auf die Frage, warum die Einkünfte des Keren Hajessod und des Keren Kajemeth etwas gesunken oder nicht gestiegen sind, sagt man, unsere Gesinnungsgenossen seien verarmt. Damit muss ich mich abfinden. Aber ich stelle die Frage: wo ist der Schekel? So arm kann man doch nicht sein, dass man den Schekel nicht zahlen kann. Und es ist doch nicht möglich, dass keine Jugend vorhanden ist, um den Schekel zu sammeln. Das Wort hatte einst eine magische Kraft für uns; jetzt ist es ein altmodisches Wort geworden, über das man beinahe lächelt. Mit dieser krankhaften Neuerungssucht werden wir nicht weit kommen. Warum haben wir keine Million Schekel? Beantworten Sie mir diese Frage mit all Ihren Theorien! Wir haben doch die Begeisterung und die Ausdauer! Dieses Problem beschäftigte mich in letzter Zeit und ich suchte eine Antwort. Ich hörte mit grosser Aufmerksamkeit zu, als manche unserer Freunde unter den Radikalen und Revisionisten meinten, dass wir den Zionismus geschwächt hätten, weil wir das Volk in Parteien geteilt haben. Sie haben also uns als Sündenbock hierfür in die Wüste geschickt. Ich bin dieser Sache nachgegangen in den Ländern, die ich letztens auch ausser den Vereinigten Staaten besucht habe. Und ich sage Ihnen nicht als Parteimann, um mit jemandem zu polemisieren, sondern als eine objektive Feststellung aus meiner Erfahrung und Beobachtung: der Grund des Indifferentismus und Pessimismus liegt nicht in den Problemen, die wir hier geschaffen haben, und über die wTir hier wohl diskutieren, er liegt — und diese Diagnose muss gestellt werden, um die richtige Therapie zu finden — in einem Schwächezustand, in einer Ermüdung der Steuerzahler und einem Mangel an immer neuen, mächtigeren Anregungen. Auch die Siebenmalweisen werden mir keinen anderen Grund einreden. Unsere Massen kümmern sich wenig um die