Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Journal
- Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Volume
- 16 (1929) Zürich, 28. Juli bis 14. August 1929
- Date
- 1929-01-01
- Page
- Seite 111 (sequence 249)
- Language
- German, English, Hebrew
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 99% known words query
- IRI
…/3476254-3476286--7261-3483409- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Goldberg I 1 I oder nicht? Sogar die Arbeiter, welche doch gegen das Geld sind, fragen dasselbe (Heiterkeit). Das ist eine Beleidigung, die ich am stärksten fühle, denn obwohl ich in meiner frühen Jugend nach Amerika gekommen bin und schon mehr als 28 Jahre dort lebe, habe ich die Bande, die mich mit dem Judentum Russlands, Polens und auch Galiziens verknüpfen, nicht zerrissen. Wenn ihr aber die geistige und kulturelle Rolle des amerikanischen Judentums nicht versteht, werdet ihr nicht uns schaden, sondern dem Zionismus. Dieser Kongress soll eine Umwertung der Werte durchführen. Dann möge er auch eine Aenderungj der Meinung über Amerika vornehmen und möge die eigenartige jüdische Mischung erkennen, deren nur Amerika fähig ist. In Amerika hat sich das Wunder vollzogen, dass Ost und West im Judentum sich vereinigt haben. Von den vier Millionen Juden Amerikas sind mehr als drei Millionen aus Russland, Galizien, Rumänien gekommen. Sie sind mit den Marshall und Warburg nicht auf dieselbe Weise zusammengetroffen, wie es hier in Europa geschieht und wie es in den ersten Jahren der ostjüdischen Einwanderung in Amerika auch dort geschah, nämlich als Almosenempfänger. In den letzten fünfzehn bis achtzehn Jahren aber haben die russischen und galizischen Juden Vermögen erworben, sind frei geworden und haben eine Sprache gefunden. In Amerika hat es sich gezeigt, dass auch eine fremde Sprache ein nationaler Faktor werden kann: das Englische ist ein nationaler Faktor für uns geworden, weil wir uns mit den Brüdern aus dem Westen in dieser Sprache verständigt haben. So ist ein jüdischer Typus entstanden, der nicht dogmatisch, sondern praktisch, dabei aber romantisch und sentimental ist. Ihr habt jetzt vier Millionen Juden, welche die grösste Kraft im Aufbau von Erez Israel werden können, wenn ihr uns die Sympathien gebt, welche wir verlangen. Ich habe mich darauf vorbereitet, die Exekutive, welche in der Generaldebatte gewöhnlich scharf kritisiert wird, unter meinen Schutz zu nehmen. In dem praktischen Amerika kritisiert man nur, wenn man einen andern Kandidaten hat, der besser ist. Wenn es bittere, böse, ätzende Kritik gibt, so fragen wir, ob die Kritiker bessere Menschen haben, so fragen wir, was diese andern Menschen für ein Programm haben. Wenn aber keine andern Menschen da sind und man die gleichen wieder wählen muss, mässigen wir auch unsere Kritik. Ich freue mich, dass in dieser Beziehung das Beispiel Amerikas wirkt. Der erste Beweis dafür ist Arlosoroffs Rede. Herr Arlosoroff hat sehr viel in Amerika gelernt. Seine Rede war im grossen und ganzen genommen eine Verteidigungsrede. Man konnte in ihr Einflüsse aus Amerika merken. Man behauptet, dass wir uns mit den Arbeitern zanken. Wir sind die Bourgeoisie. (Zwischenrufe von der Linken: In Basel.) In Amerika sind wir doch die besten Freunde. Wenn wir nach Europa kommen, beginnt der Streit. Wir werden von dem Kriegsgeist beeinflusst, der hier herrscht. Was aber Amerika selbst