Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Journal
- Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Volume
- 16 (1929) Zürich, 28. Juli bis 14. August 1929
- Date
- 1929-01-01
- Page
- Seite 50 (sequence 188)
- Language
- German, English, Hebrew
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3476254-3476286--7200-3483348- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
50 2. KONGRESS-SITZUNG: Referat über die Bedeutung Palästinas Der Antisemitismus in der Diaspora wird zwar, da er ein Unterfall der allgemeinen Gruppenfeindschaft ist und nicht aus dem Verstände, sondern aus dunklen Instinkten quillt, nicht aufhören, auch wenn die Juden in Palästina durch die Tat die Beschuldigung widerlegen, dass sie auf geistigem und wirtschaftlichem Gebiete nicht Schöpfer, sondern nur Vermittler seien. Zeigt sich diese Behauptung in ihrer Haltlosigkeit, so wird der Antisemitismus eine andere ersinnen, um die rassenmässige Minderwertigkeit der Juden zu beweisen. Wir bauen Palästina nicht auf, um den Antisemitismus zu widerlegen. Aber es wird für den Antisemitismus ein schwerer Schlag sein, wenn in dem jüdischen Gemeinwesen in Palästina ad oculos demonstriert wird, dass Juden in Industrie und Landwirtschaft alle Arbeiten von der geringsten bis zur höchsten verrichten können, dass die Forschungsarbeit jüdischer Gelehrter und die Werke jüdischer Künstler auf hohem Niveau stehen. Bisher fehlte unter allen Nationen nur den Juden ein eigenes Blatt für die Aufzeichnung ihrer Kulturleistungen. Palästina kann ein solches Blatt in die Geschichte einfügen, auf dem die Leistungen der Juden als Kollektivum in Debet und Kredit verzeichnet und den Leistungen anderer Völker gegenübergestellt werden. Ich denke, wir werden diese Gegenüberstellung nicht zu scheuen haben. Welche Aufgaben bleiben, so kann man fragen, den Juden der Diaspora, wenn Palästina eine so überragende Bedeutung im jüdischen Leben erlangt? — Zunächst ist die Diaspora auf viele Jahrzehnte hinaus Palästinas Reservoir für Menschen und Mittel. Versagt die Diaspora hierin, so muss das jüdische Leben in Palästina verdorren. Es kann sich nur durch ständigen Zufluss von Juden aus der Diaspora erhalten und verstärken. Nichts könnte falscher sein, als wenn die Juden in Palästina glauben würden, dass das Schicksal der Diaspora-Juden Palästina nichts anginge. Der ganze Aufbau Palästinas hat überhaupt nur Sinn, weil wir durch ihn die Diaspora-Judenheit in ihrem jüdischen Bewusstsein zu stärken hoffen. Die Juden in der Diaspora sind ein wichtiger Kulturfaktor. Sie bringen für ihre Beteiligung an der Kultur ihrer Länder ein wertvolles Aktivum mit, nämlich ihre G e i s t i g k e i t, die sie durch einseitige Hochzüchtung im Laufe vieler Generationen erworben haben und die sie im Wege der Vererbung solange behalten werden, als sie eine besondere ethnische Gruppe bleiben und sich nicht mit den umgebenden Völkern vermischen. Sie beteiligen sich an dem Fortschritt gewisser Kulturzweige ihrer Länder in einem ihre Zahl weit übertreffenden Verhältnis. Die Menge glänzender jüdischer Namen unter den Grossen in Wissenschaft und Wirtschaft beweist das. Ein einziger Name — Albert Einstein — kann hier für viele stehen. Die Juden zahlen das, was sie aus der Kultur ihrer Umgebung entnommen haben, als gute Schuldner dankbar mit Zinsen zurück.