Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Journal
- Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Volume
- 16 (1929) Zürich, 28. Juli bis 14. August 1929
- Date
- 1929-01-01
- Page
- Seite 39 (sequence 177)
- Language
- German, English, Hebrew
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Ruppin 39 Vor 30 Jahren waren zwar die Gefahren der Assimilation auch schon sichtbar, aber sie hatten bei weitem nicht den Umfang, den sie inzwischen erlangt haben. Während um das Jahr 1900 noch drei Viertel aller Juden in Ländern mit relativ niedriger Kultur, in Osteuropa und im Orient lebten und die Versuchung zum Uebergang in die Kultur der nichtjüdischen Umgebung gering war, hat sich heute das Bild gänzlich geändert. Heute lebt bereits die Hälfte aller Juden ausserhalb Osteuropas in Ländern höherer Kultur, davon fünf Millionen allein im englischen Sprachgebiet, und ist hier den Verlockungen dieser Kulturen im höchsten Masse ausgesetzt. Wir finden demgemäss eine steigende Abwendung von all den Kulturwerten, die noch vor zwei oder drei Generationen unsern Vorfahren teuer waren. Entsprechend der grossen Bedeutung, welche die Religion bisher für das Zusammengehörigkeitsgefühl der Juden hatte, leidet die Judenheit mehr als andere ethnische Gruppen durch den Niedergang des religiösen Lebens in der Gegenwart. In Mittel- und Westeuropa ist die Zugehörigkeit zum Judentum bei vielen ein leerer Schein, ohne jeden religiösen Inhalt geworden. In Amerika besuchen Tausende von Juden die Kirchen der „Christian Science'*. Andere haben die Religion überhaupt aus ihrem Leben ausgeschaltet. Sie treten zwar nicht formell aus dem Judentum aus, weil in Amerika die Religion reine Privatsache ist und nicht offiziell registriert werden darf, aber sie verlieren jeden Zusammenhang mit dem Judentum. Die Taufe ist bei ihnen nicht ein einmaliger Akt, sondern ein chronischer Prozess. Die jüdischen Organisationen geben sich ungeheure Mühe, dieser Abwendung von der jüdischen Tradition Einhalt zu tun. Allein in New- York haben die jüdischen Organisationen für die Zwecke des Religionsunterrichtes der Kinder im Jahre 1928 fast 5 Millionen Dollar ausgegeben. Aber trotzdem ist es ihnen nicht gelungen, mehr als etwa ein Drittel der jüdischen Schulkinder zum regelmässigen Besuch des jüdischen Religionsunterrichtes zu veranlassen. Die übrigen zwei Drittel wachsen auf, ohne von jüdischer Geschichte und jüdischer Religion irgendetwas zu verstehen. Aehnlich sind die Verhältnisse in West- und Mitteleuropa. In einer grossen italienischen Gemeinde beklagte sich bei mir der Vorsteher, dass die Juden sogar am Jom Kippur nicht mehr in die Synagoge kommen. Auf meine Frage, was sie denn überhaupt noch mit dem Judentum verbinde, antwortete er: sie wollen auf einem jüdischen Friedhof begraben werden. — Das Resultat einer kürzlich von den amerikanischen Reformgemeinden veranstalteten Umfrage war, dass nur 50 Prozent der Juden am Jom Kippur in die Synagoge kommen, aber 90 Prozent noch „Jahrzeit" halten. Es ist also nicht mehr das jüdische Leben, sondern das Mysterium des Todes, das viele Juden noch beim Judentum festhält. 11