Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Journal
- Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Volume
- 16 (1929) Zürich, 28. Juli bis 14. August 1929
- Date
- 1929-01-01
- Page
- Seite 38 (sequence 176)
- Language
- German, English, Hebrew
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38 2. KONGRESS-SITZUNG: Referat über die Bedeutung Palästinas etwa eine Million Juden wohnten, leben heute 4% Millionen. Die Rechtsbeschränkungen und unerhörten Bedrückungen, denen die 6 Millionen Juden in Russland vor dem Weltkriege ausgesetzt waren, haben aufgehört. Die gesetzliche Gleichberechtigung der Juden ist nach 1500 Jahren rechtlicher Zurücksetzung in der ganzen Welt durchgeführt. In den meisten Ländern Osteuropas sind die Juden seit dem Weltkriege durch die völkerrechtlichen Verträge zum Schutze der nationalen Minderheiten als nationale Minderheit anerkannt und haben dadurch das Recht erhalten, ihr kulturelles Leben nach eigenem Willen zu gestalten. Die Jahrhunderte alte Sehnsucht der Juden nach Palästina, die früher nur in Gebeten, in Pilgerfahrten und in kleinen Anfängen einer Besiedlung Befriedigung finden konnte, hat durch die Balfour-Deklaration und durch das Palästina- Mandat eine völkerrechtliche Grundlage zu ihrer Verwirklichung bekommen, die uns vor 15 Jahren noch als ein Traum erschien. Die Assimilation Unter diesem Gesichtspunkte gesehen, steht der Bau der Judenheit heute imposanter da als jemals zuvor. Aber hinter der glänzenden Fassade sind zerstörende Kräfte am Werke. Sie untergraben den Grundpfeiler des Baus, nämlich das Zusammengehörigkeitsgefühl der Juden, das auf ihre Religions-, Abstammungs- und Schicksaisgemeinschaft gegründet war. Wir sind gewohnt, diese Erscheinung als Assimilation zu bezeichnen. Wir verstehen darunter, dass Juden sich von der traditionellen jüdischen Kultur, die bis zum Ende des 18. Jahrhunderts allen Juden gemeinsam war, loslösen und in das Herrschaftsgebiet einer anderen Kultur gelangen, die ihnen höher als die eigene erscheint und der sie sich deshalb anzuschliessen suchen. Der Wechsel der Kultur ist die Einleitung zum Wechsel der Nationalität. Es wird zwar von manchen Seiten behauptet, dass ein Jude so wenig aus seiner Nationalität austreten könne, wie ein Neger aus seiner Rasse. Aber der Vergleich stimmt nicht. Die Rasse ist ein vom Menschen unabhängiger Faktor, seine Nationalität hängt dagegen zu einem grossen Teile von äusseren Verhältnissen ab, auf deren Wahl und Gestaltung der Mensch Einfluss hat. Viele Juden in Westeuropa fühlen sich dem Volkstum ihrer Umgebung näher und können kaum noch zur jüdischen Nationalität gerechnet werden. Es hat keinen Zweck, ihnen eine fiktive jüdische Nationalität zuzuschreiben. Sie bleiben vielleicht eine Zeitlang in einem Schwebezustand zwischen den beiden Nationalitäten, aber schliesslich fallen sie der Anziehungskraft der stärkern Nationalität anheim. Sie können hierbei trotz völligem Verlust des Interesses an jüdischen Dingen doch formell noch Juden der Religion nach bleiben. Sie können aber durch Taufe, Austritt oder durch Mischehen, bei denen die Kinder der christlichen Religion zufallen, auch äusserlich die Trennung von der jüdischen Gemeinschaft vollziehen.