Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Journal
- Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Volume
- 16 (1929) Zürich, 28. Juli bis 14. August 1929
- Date
- 1929-01-01
- Page
- Seite 9 (sequence 147)
- Language
- German, English, Hebrew
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Weizmann 9 Geehrter Kongress! Unsere Bewegung ist der klarste Ausdruck des Erwachens der jüdischen Seele, das sich im letzten halben Jahrhundert vollzogen hat. Mit brennender Schärfe empfinden wir die Verantwortung für das ganze Volk. Die Botschaft des Zionismus ist noch lange nicht in jedes jüdische Haus, in jede jüdische Hütte gedrungen. Noch immer dient ein grosser Teil unserer Jugend fremden Göttern in verschiedener Gestalt. Wir waren in den letzten Jahren ausschliesslich konzentriert auf die praktische Arbeit in Palästina. Heute, wo eine neue Generation herangewachsen ist, empfinden wir, dass es an der Zeit ist, den Zionismus mit erneuter Hingebung als eine Sache der sittlichen Entscheidung vor die jüdische Welt zu bringen. Nach dem, was wir bereits erreicht haben, hat die Entscheidung für oder gegen das Palästinaprogramm an Schärfe verloren. Worauf es ankommt, ist die Gewinnung der Jugend für die Entscheidung zu ihrer nationalen Verantwortung. Der Zionismus ist der Wille, ein neues Judentum zu schaffen, er ist die innere Wiederaufrichtung der jüdischen Seele. Nicht auf die Nachahmung von Formen und Gedanken der nationalen Bewegungen anderer Völker kommt es an, sondern auf das Sich-Selbst- Wiederfinden als Jude, die Wiederherstellung der jüdischen Kontinuität. Aus diesem Grunde muss die Kulturarbeit, das ist der Kampf um die Seele unserer Jugend, in Zukunft einen noch grösseren Platz bei uns einnehmen als bisher. Wir haben Anfänge bedeutsamer Art in Palästina, die Entwicklung unserer Universität ist verheissungsvoll, die hebräische Sprache ist dank der aufopfernden Tätigkeit des hebräischen Lehrers zu einer Selbstverständlichkeit geworden. Aber all dies genügt nicht, es sind erst die Voraussetzungen für ein wirkliches kulturelles Wirken und Schaffen. Aus einer Verbindung Palästinas und der Galuth können wir wertvolles erwarten; der Zionismus muss dem jüdischen Volk nicht nur ein nationales, sondern ein menschliches Ideal geben. Wir glauben, dass heute wieder Tausende jüdischer Menschen, die der Judenfrage inne geworden sind und aus dem Chaos ihrer Seele keinen Ausweg finden, auf uns blicken und von diesem Kongress ein neues Wort erwarten. Die Befürchtung, dass durch die Erweiterung der Jewish Agency die Zionistische Organisation überflüssig wird, scheint mir kleinmütig. Der Zionismus hat niemals Garantien seines Bestandes gehabt, er war stets ein grosses Wagnis, seine einzige Stütze der feste Glaube der Getreuen. Wenn unser Geist stark ist, dann wird aus jeder äusseren Veränderung der Zionismus bereichert und gestählt hervorgehen.