Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Journal
- Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Volume
- 14 (1926) Wien, 18. bis 31. August 1925
- Date
- 1926-01-01
- Page
- Seite 36 (sequence 47)
- Language
- German, English, Hebrew
- Belongs to
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/. Sitzung: Eröffnung weiß, daß das Fieber auf ihn wartet und daß er an Unterernährung zu Grunde gehen kann — sechzig Prozent unserer Pioniere waren noch vor zwei Jahren im Emek vom Fieber ergriffen — und doch ist jeder entschlossen, sein Leben dieser Arbeit zu widmen, und er widmet es der Menschheit. In der ganzen Geschichte der neuen Zeit kenne ich kein anderes Beispiel dieser Art. Und ist uns das gelungen, so weiß ich nichts, was uns nicht gelingen kann. Und ist uns das gelungen, nicht aus einem inneren nationalen Bedürfnis heraus, sondern aus dem Bedürfnis, neue Wege für die Erlösung der Menschheit zu suchen, so haben wir das Recht, zu sagen, wir haben unseren archimedischen Punkt gefunden. Und ein zweites, meine Damen und Herren. Wir geben der nichtjüdischen Welt die Möglichkeit, uns zu verstehen, uns kennen zu lernen. Der Krieg hat es den Völkern bewiesen, wie verhängnisvoll es ist, daß Völker, die seit Jahrhunderten Schulter an Schulter nebeneinander leben, einander nicht kennen; daß man den Deut* sehen über die Franzosen, den Franzosen über die Deutschen alles Mögliche sagen kann und daß sie es glauben. Meine Damen und Herren, wir leben seit zweitausend Jahren mit allen Völkern. Wir haben durch alle Völker, unter allen Völkern und wir haben auch mit allen Völkern gelitten. Wir haben mit ihnen gearbeitet und gestrebt und sind für ihre Ideale und die Ideale der Menschheit mit ihnen gestorben. Und doch versteht man uns nach zwei Jahrtausenden nicht. Der Haß, das Vorurteil macht es unmöglich, den anderen zu verstehen. Es ist ein Irrtum, wenn man sagt, daß Heerführer oder Regierende feindlicher Staaten die Möglichkeit haben, in die Psychologie der bekämpften Völker einzudringen. Ich denke, unsere alte Sprache hat Recht, wenn sie das Wort für „Kennen" und „Verstehen" gleichzeitig auch für „Schätzen4* und „Lieben" gebraucht. Denn der Haß lernt nicht den anderen kennen, nur die Liebe. Romain Rolland, der Franzose, kennt die Seele des Deutschen und kennt die Seele der Juden, weil er von Liebe erfüllt ist. Darum, meine Damen 36