Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Journal
- Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Volume
- 14 (1926) Wien, 18. bis 31. August 1925
- Date
- 1926-01-01
- Page
- Seite 27 (sequence 38)
- Language
- German, English, Hebrew
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Minister Resch, Dr. Pick gestorben ist. Karl Josef Fürst de Ligne war ein Mann von vielseitigen geistigen Interessen und ist, wie aus dem Klarwillschen Buche ersichtlich, mit vielen hervorragenden Zeitgenossen in Verkehr gestanden, so mit Goethe, Rousseau, Voltaire, mit der Kaiserin Maria Theresia, mit Kaiser Josef, mit Friedrich dem Großen, der Kaiserin Katharina von Rußland und vielen anderen. In einer Abhandlung „Ueber die Judenfrage'1 macht er eine'Reihe von Vorschlägen, die nach seiner Meinung geeignet wären, sowohl den Juden als auch den sie beherbergenden Staaten zum Vorteil zu gereichen. Wenn jedoch, wie er schreibt, weder die Güte noch das Geschick vorhanden wären, die Juden aus ihrem jetzigen Zustand zu befreien, so würde er wünschen, daß einer der in der Türkei lebenden Juden tüchtig genug wäre, um beim Großherrn jenen Einfluß zu gewinnen, der ihnen das Königreich Judäa wiederbrächte. Dort würden sie, sagt er an anderer Stelle, Kunst, Gewerbe, Ackerbau und Handel nach europäischer Art zur Blüte bringen. Man gebe ihnen einen Staat oder Zufluchtsort, und sie werden aufhören zu sein, wie sie jetzt sind. Schließlich verhehlt er nicht, daß eine Auswanderung vieler Juden den Staaten einen großen Schaden bringen würde. Sie haben, meine Hochverehrten, nun neuerlich Wien zur Stätte des Kongresses gewählt und uns so einen Beweis dafür gegeben, daß das Ansehen dieser herrlichen Stadt, die in geistiger und künstlerischer Hinsicht der Welt so viel gegeben, unvermindert geblieben ist. Diese Stadt, die zufolge ihrer Weltstellung und wegen ihrer geographischen Lage der Treffpunkt erlesener Geister war, hatte auch für die Juden eine besondere Bedeutung. Nicht nur aus den Länder der Monarchie, sondern auch aus Deutschland, der Türkei und anderen Ländern kamen Juden nach Wien, und unter ihnen viele, die sich in geistiger, künstlerischer und kultureller Beziehung große Verdienste erworben haben. Die verschiedenartige Herkunft der Juden brachte verschiedenartige Sitten und Gebräuche, verschiedenartige Riten mit sich. Aber trotz alledem wurde die Einheit unserer Kultusgemeinde errungen und gewahrt. Hier konnte in engeren Grenzen das durchgeführt werden, was einer der führenden Geister des Zeitalters des Humanismus, der „deutsche Kardinal" Nikolaus von Kusa, im Großen erstrebt, aber nicht erreicht hatte, die „una religio in rituum varietate". Der Geist des Humanismus, der in Wien eine seiner bedeutendsten Pflegstätten gefunden, war es denn auch, der der Stadt trotz aller vorübergehenden Trübungen seine dauernde Färbung gegeben und der auch unsere Gemeinde immer beseelt hat. Viele Bestrebungen zur Behebung jüdischer Not haben von hier ihren Ausgang genommen und viele kulturelle Taten weitgehende Förderungen erfahren. So war auch hier der Boden vorbereitet für eine Bewegung, die für alle Juden ohne Unterschied der Richtung von Bedeutung ist. Wie bei allen großen Bewegungen sind die Meinunen über Ziel und Weg je nach der Einstellung der einzelnen geteilt. Die Anerkennung 27