Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Journal
- Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Volume
- 12 (1922) Karlsbad, 1. bis 14. September 1921
- Date
- 1922-01-01
- Page
- Seite 464 (sequence 474)
- Language
- German, English, Hebrew
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ACHTER VERHANDLUNGSTAG Freitag, den 9. September 1921. 16. (Nachmittag-) Sitzung. Beginn: 3 Uhr nachm. Vizepräsident Berlin: Ich eröffne die Sitzung. Delegierter Dr. J. Niemirower (Rumänien, deutsch): Geehrter Kongreß! Selbstredend wollte ich über die jüdische Kultur, über das Erziehungswesen in hebräischer Sprache sprechen. Ist ja die Hervorhebung des hebräischen Urelementes das Auszeichnende und Bezeichnende in der Auffassung der Zionisten in Bezug auf die jüdische Kulturgeschichte. Da ich mich aber in meiner Rede mit den Ausführungen Schemarja Levins zu befassen habe, der deutsch gesprochen hat, muß ich ihm darin folgen. Unser verehrter Präsident hat die Kulturdebatte sehr feierlich eingeleitet und tatsächlich ist einer der Höhepunkte der Kongreßverhandlungen sicherlich der Zeitpunkt, in dem man über die Erziehung in Palästina und über jüdische Kultur überhaupt spricht. Wenn die großen Erfolge in politischer Beziehung, die kolonisatorischen Anstrengungen in Bezug auf die Lösung der Judenfrage von Wichtigkeit sind, so ist tatsächlich bezüglich der Frage des Judentums, der Bekämpfung der geistigen Judennot in der Diaspora der kulturelle Teil der zionistischen Bewegung von unermeßlicher Bedeutung. Es haben sich ja die Zeiten bezüglich der jüdischen Kultur auf unseren Kongressen geändert. Auf dem 3. Kongreß haben die politischen Führer noch nicht das richtige Verständnis für diese Seite, für die seelische Seite des Zionismus gehabt und heute sind selbst diejenigen, welche sonst mit den Amerikanern sympathisieren, doch unbedingt der Ueberzeugung, daß das Schulwerk in Palästina, daß die Kulturarbeit des Zionismus, das Zentrum der ganzen Tätigkeit sein soll und sein muß. Was hat sich denn seit damals geändert? Damals predigte man über Zionismus, heute will man wirkliche Kulturarbeit verrichten. Man ist zur Erkenntnis gelangt, daß nur die Berührung mit dem Mutterboden von Erez Israel, nur die Blüte einer wahrhaft jüdischen Kultur in Palästina, auch im Galuth Kulturarbeit verrichten kann. Nicht ein Kirchenstaat in Palästina, nicht ein Wolkenkuckucksheim der Träumer eines neuen Judentums, sondern ein lebendiges Erez Israel, ein lebendiges jüdisches Volk in Stadt und Land kann die Grundlage auch für die Kulturarbeit in der ganzen Welt bilden. Man hat erkannt, daß wir nicht nur nach dem Talmudausspruche, daß Palästina sich in der messianischen Zeit in der ganzen Welt in geistiger Beziehung ausdehnen wird, zu hoffen haben, sondern daß wir Erez Israel hinüberzutragen haben in die Galuthländer, daß wir selber diesen Geist von Erez Israel zu verbreiten haben. Damit wir aber diesen Geist lebendig haben, müssen wir das Kulturwerk in Erez Israel unter allen Umständen in den kritischsten Verhältnissen fördern und erhalten. Man ist weiter zur Erkenntnis gelangt, daß wir uns nicht genügen lassen können mit der allgemeinen Betonung der jüdischen Kultur, sondern daß wir in erster Linie die Hebraisierung des jüdischen Geistes zu fordern haben. Es ist ja wesentlich besser geworden in Bezug auf die Sprache des Kongresses, in 464