Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Journal
- Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Volume
- 12 (1922) Karlsbad, 1. bis 14. September 1921
- Date
- 1922-01-01
- Page
- Seite 364 (sequence 374)
- Language
- German, English, Hebrew
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3476254-3476278--4664-3480808- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
i Vizepräsident Farbstein: Die zionistischen Mitglieder der Bnei-Brith-Logen werden ersucht, zu einer dringenden Besprechung um 6 Uhr im Zimmer 52 vollzählig zu erscheinen. Das Wort hat Herr Davis Trietsch. Mitglied des A. C. Davis Trietsch (Deutschland): Geehrter Kongreß! Wenn nicht alles täuscht, sind wir — spät genug — im Begriff, unter unsere bisherigen Kolonisationen einen dicken Strich zu machen und ein neues Kapitel der jüdischen Einwanderung und Ansiedlung in Palästina zu beginnen. Jene bisherigen Kolonisationen waren systemlos, klein, langsam und ungeheuer kostspielig. Der Erfolg dieser Systeme ist der, daß ihre eigenen bisherigen Befürworter sie heute — und sogar in der letzten Zeit immer stärker betont — als ein Verlustgeschäft bezeichnen, das nur aus nationalen Gründen aufrecht zu erhalten und fortzusetzen sei. Noch heute wird auf diese Weise versucht, uns zu veranlassen, diese bisherigen Kolonisationen fortzuführen und mit der Zeit, durch allerlei Verbesserungen, allmählich günstiger zu gestalten. Aber ich kann mich hier nur auf Dr. Soskins Standpunkt stellen, der in einer kleinen Studie über die „Ackerbeetkultur'4 ausdrücklich die langsame, schrittweise Intensivierung unserer bisherigen Kolonisationsmethoden als grundfalsch beurteilt. „Vom einen zum andern System gibt es keinen Uebergang; das eine empfehlen, heißt das andere gänzlich verdamm en." Die alten Methoden, die wir nun endlich verlassen wollen, rechneten weder mit den Eigentümlichkeiten des Landes, noch mit denen der Juden. Sie haben überhaupt viel zu wenig gerechnet. Hat man es doch für möglich gehalten, bei Kostenziffern von Lstr. 1000 bis Lstr. 2000 pro Ansiedler eine nationale Kolonisation nennenswerten Umfanges durchzuführen! Eine Voraussetzung, in der bereits die gänzliche Unmöglichkeit eines darauf aufzubauenden Werkes enthalten ist. Wenn heute Dr. Soskin Ihnen eine Kolonisationsform proponiert hat, die unserem Volke und unserem Lande viel besser angepaßt ist, und deren Kostenziffern nur etwa 30% der bisherigen offiziellen Mindestkosten beträgt, so dürfen wir das nicht als eine Einzelheit betrachten, neben der die alten Methoden ihren Fortgang nehmen mögen, sondern wir wollen darin einen organischen Anfang und einen Teil einer für uns neuen Kolonisationsform erblicken, die Soskin selbst — mit Recht — die intensive nennt. Nicht nur die eine Form intensiven Gartenbaues, die in der Kleinsiedlung mit Bewässerung liegt, sondern daneben die Ackerbeetkultur, deren Arbeitsziel es ist, mit einem Zehntel der bisherigen Flächen auszukommen, weiterhin hochintensive Formen der Baumkulturen, mittelst deren auch die A c h u s a zu einer neuen großen Bedeutung aufsteigen kann, und schließlich die von Prof. Ballod befürwortete Großlandwirtschaft unter den technisch besten Betriebsformen. Und schließlich und vor allen Dingen die nicht landwirtschaftlichen Ansiedlungsformen, die ja gerade in unserem Falle die landwirtschaftlichen weitaus überwiegen müssen, und bei denen auch die nebenberufliche gartenbauliche Selbstversorgung eine große Rolle spielen soll. Vielen von Ihnen wird das zu wenig der bisherigen Idee von der vorwiegend landwirtschaftlichen Kolonisation entsprechen. Aber wenn Sie sich nur einen Augenblick überlegen, daß in der jüdischen Berufsschichtung in der ganzen Welt, — also in dem gegenwärtigen jüdischen Menschenmaterial, von dem wir doch ausgehen müssen, — die landwirtschaftlichen Berufe nur 364