Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Journal
- Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Volume
- 12 (1922) Karlsbad, 1. bis 14. September 1921
- Date
- 1922-01-01
- Page
- Seite 300 (sequence 310)
- Language
- German, English, Hebrew
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Hälfte dieser städtischen Juden, nämlich 35—40 000 wohnen in Jerusalem. — Die ökonomische Lage der jüdischen Bevölkerung ist in keiner Weise stabil. Die landwirtschaftlichen Kolonien im Süden, die hauptsächlich Baumpflanzungen haben, leiden unter häufigen Absatzkrisen, die Ackerbaukolonien im Norden des Landes unter ungenügenden Erträgen. Die Juden in den Städten haben nur zum Teil als Kaufleute, Handwerker und Beamte — von 2490 Beamten in Palästina sind 616 Juden — eine halbwegs unabhängige Existenz, die übrigen sind zu ihrem Lebensunterhalt ganz oder teilweise auf Unterstützungen angewiesen. So sieht Palästina heute aus. Die Frage, die sich erhebt, ist nun: Was haben wir unter disen Verhältnissen zu tun, um jüdischen Einwanderern in möglichst großer Zahl die Möglichkeit zu geben, in Palästina eine Existenz zu finden? Das Problem ist für Palästina ein ganz anderes, als z. B. für die Vereinigten Staaten von Amerika. — Hier finden die Einwanderer eine bereits hoch entwickelte und sich ständig ausdehnende Volkswirtschaft vor. In dieser Volkswirtschaft ist ein ziemlich großer Bedarf an Händlern und Vermittlern vorhanden, welche die erzeugten Güter vom Produzenten zum Konsumenten bringen. Die Juden mit ihrer großen Geschicklichkeit im Handel können sich hier im Kampfe mit nichtjüdischen Konkurrenten in vielen Fällen schnell eine Existenz schaffen. Außerdem kommen die Juden, wenn sie aus Osteuropa nach Amerika einwandern, aus einem Land mit einem vergleichsweise niedrigen, in ein Land mit einem sehr hohen Standard of life. Sie können sich deshalb durch geringere Lohnansprüche diejenigen Industrien erobern, die wie z. B. die Konfektionsindustrie keine großen Fabrikanlagen und keine besonderen technischen Kenntnisse erfordern. — In Palästina fehlen beide Voraussetzungen. Das Land bringt so wenig Produkte für den Verkauf hervor, daß von deren Vertrieb nur sehr wenige Händler leben können. Es kommt hinzu, daß der Araber selbst ein sehr guter Kaufmann und für den Juden ein scharfer Konkurrent ist. — Das schwierigste ist aber der Umstand, daß Palästina nicht wie die Vereinigten Staaten ein Land mit einem hohen Standard of life und hohen Arbeitslöhnen, sondern im Gegenteil ein Land ist, in dem der Standard of life der Bevölkerung noch niedriger ist, als der des jüdischen Einwanderers aus Osteuropa, so daß der Einwanderer hier nicht imstande ist, durch niedrigere Lohnansprüche diesen oder jenen Wirtschaftszweig für sich zu erobern. Es scheint, daß man sich in unseren Kreisen diesen fundamentalen Unterschied zwischen Palästina und den anderen Einwanderungsländern — was ich für die Vereinigten Staaten gesagt habe, gilt auch für Kanada, Südamerika, Südafrika und Australien — noch immer nicht genügend klar gemacht hat. Häufig genug hört man noch die Meinung, daß, wenn die Juden nach Palästina kommen, „einer 300