Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Journal
- Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Volume
- 12 (1922) Karlsbad, 1. bis 14. September 1921
- Date
- 1922-01-01
- Page
- Seite 186 (sequence 196)
- Language
- German, English, Hebrew
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erlebt, daß der ganze Krieg uns keinen solchen Schlag versetzt hat, wie die letzte Londoner Konferenz. Und wissen Sie warum? Weil 90 % von uns, während der Londoner Konferenz überhaupt den Sinn für die Bedeutung der Zionistischen Organisation verloren hatten (Beifall), weil wir selber schwankend zu werden und in unserem Suchen und Tasten über die Organisation etwas verächtlich zu denken begannen. Wie kam dies in einer solchen Zeit? Wir wollen nicht ungerecht sein und, um den Prozeß zu erklären, die Londoner Konferenz von 1920 als Sündjenbock hinstellen, wir wollen nicht die psychologischen Momente übersehen, welche vor derLondoner Konferenz sich angesammelt hatten. Blättern wir in unserer eigenen Vergangenheit etwas zurück: Gerade diejenigen unter uns, welche seit Jahrzehnten die zionistischen Traditionen mit sich tragen, waren zur zionistischen Bewegung aus ideellen Erlebnissen gekommen, nicht durch einen zufälligen Anlaß oder gar durch das übliche Vereinsleben, sondern durch das große Ideal, das uns gepackt und hingerissen hatte; manche unter uns hatten auch schon Jahre vor dem ersten Zionistenkongreß, vielleicht die schönsten Jahre ihrer inneren zionistischen Erlebnisse, für die zionistische Bewegung mit religiöser Inbrunst gefochten und gewirkt. Nicht aus formalen Gesichtspunkten sahen wir uns dann gezwungen eine Organisation zu schaffen, zu pflegen und zu hüten, sondern nur darum, weil sonst uns die Idee nicht verwirklichbar erschien. Da kam nun die große Metamorphose durch die letzten Jahre, durch jene historisch-politischen Ereignisse, welche nicht nur im Zionismus, sondern in der jüdischen Geschichte bleibend sein werden. Als nun durch eine Reihe politischer Großtaten das, was wir erstrebt hatten, das politische Ziel, verwirklicht zu sein schien, sagten wir uns: Vielleicht ist jetzt der Zeitpunkt gekommen, da wir unser System der zionistischen Arbeit völlig umändern müssen? Nach einem Vierteljahrhundert mühsamer Organisationsarbeit trat von neuem an uns die Frage heran, ob sie um der Idee willen noch notwendig sei, ob nicht die Bewegung jetzt flüssigere, freiere Formen annehmen müsse. Wir waren nahe daran zu vergessen, daß wir den anderen Weg noch nicht gefunden hatten, den, w i e wir die Idee verwirklichen sollten. Immer von neuem stellten sich gar viele von uns das Problem: Was ist im gegebenen Momente für uns noch das Wichtige, das Wichtigste? In den historischen Tagen des ersten Baseler Kongresses war vom Feuer des Zionismus für unsere Seele, für unseren Geist, für unser stärkstes Wollen, wie gesagt nur die Verwirklichung der zionistischen Idee geblieben. Ist aber die Situation völlig verändert und ist die Idee in ihrer Ganzheit ohne die Organisation zu verwirklichen, was kümmert es uns, wenn die Hülle fällt, wenn die Organisation nicht mehr dieselben Formen haben sollte? Vielleicht brauchen wir nicht mehr das Formale, das Organisatorische? Was brauchen wir die Schale, wenn wir den Kern haben können? Es war ein schweres Problem, welches gerade diejenigen von uns, die ihr ganzes Inneres in den Zionismus gelegt hatten, schon seit der Balfourdeklaration beschäftigte, es war aber ein sehr tiefes Problem, welches nur mit der größten Feinfühligkeit und der stärksten Analyse berührt werden durfte, welches aber nicht durch ein paar äußerliche mechanische Vorschläge zu lösen war. Darum schreckten wir so sehr auf, als uns während der Londoner Konferenz die Lösung des Problems in nackter und rücksichtsloser Abschüttelung unserer Organisation vorgeschlagen wurde, ohne daß irgend welche ideelle Realität an ihre Stelle gesetzt worden wäre. Wer von uns, der auf Grund seiner gesamten Weltanschauung und seiner Erkenntnis des Judentums wirklicher Zionist geworden ist, möchte vor irgend welcher ideologischen Umwertung Halt machen, wenn er das Bewußtsein hätte, daß das jüdische Palästina auf einem andern Weg zu verwirklichen wäre? Was er zu überwinden 186