Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Journal
- Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Volume
- 12 (1922) Karlsbad, 1. bis 14. September 1921
- Date
- 1922-01-01
- Page
- Seite 50 (sequence 60)
- Language
- German, English, Hebrew
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3476254-3476278--4350-3480494- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Ich könnte ein ganz besonderes Kapitel — und das wäre ein Kapitel aus den Klageliedern Jeremias — über den Märtyrertod sagen, den Professor Friedländer zusammen mit einem Kollegen, dem Rabbiner Dr. C a n t o r, am Tore der Ukraine erlitten hat. Er wurde in barbarischer Weise ermordet, als er sich auf dem Wege befand, den ukrainischen Juden zu helfen. Das gehört zur Märtyrergeschichte unseres Volkes. Er wurde gewarnt und war sich bewußt, daß er sich in den Tod begibt. Er sehnte sich seit Jahren, schon zur Zeit des Krieges, darnach, an dem nationalen Werk oder wenigstens an dem Hilfswerk für unsere Brüder in Palästina sich zu beteiligen. Es war ihm nicht beschieden. Als der Ruf in Amerika erging an die Männer der Tat, an die Männer, die aufopferungsfähig sind, nach der Ukraine zu gehen, war es Professor Friedländer, der seine Studierstube verließ — denn er war Gelehrter — und sich sagte: Jetzt ist die Zeit zu gehen und dem jüdischen Volke zu helfen. Er machte alle die beschwerlichen Reisen und wir hatten Gelegenheit, ihn in Warschau, Paris, Kopenhagen hin und zurück in dem Hilfswerk von Amerika tätig zu sehen. Man hat ihm oft abgeraten, diese riskante Mission zu Ende zu führen. Er schenkte allen Warnungen kein Gehör, er ging ins Feuer und ist diesem Tode erlegen. Sein Name sei uns in heiliger Erinnerung unter den Namen all der Märtyrer, die wir als Reliquie unserer geschichtlichen Pietät bewahren. Unsere Nationalliteratur hat im Laufe dieser traurigen Zeit eine ganze Reihe von hervorragenden Kräften verloren, vor allem Mendele Mocher Sforim, den „Seide" (Großvater), wie man ihn in der Volkssprache nannte. Wir haben den populären Volksschriftsteller verloren, der alle geheimen Töne der jüdischen Volksseele in so meisterhafter Weise ablauschte und wiedergab: Scholem Alechem. Wir haben das große Talent von Jehuda Leibisch P e r e z verloren, der sowohl in der hebräischen wie in der jüdischen Literatur sich einen dauernden ruhmvollen Namen erworben hat. Wir haben Salomon Schechter verloren, der ein großer Gelehrter war, eine zentrale Persönlichkeit in der wissenschaftlichen und kulturellen Bewegung in Amerika. Wir haben den Tod des ausgezeichneten Volksschriftstellers Dinesohn zu beklagen. Wir haben Abraham Sluzki verloren; ein hervorragender zionistischer Schriftsteller, er ist samt seiner Frau in dem Pogrom ermordet worden, der in seinem Städtchen wütete. Wir haben den talentvollen hebräischen Schriftsteller Brenner verloren, den hervorragendsten Vertreter der modernen Richtung in der hebräischen Literatur. Brenner gehört nicht nur in diese Liste. Er figuriert in der andern schwarzen Liste yom letzten Pogrom in Jaffa. Da waren Brenner und seine Kollegen an der Spitze. Wir haben den guten, milden, süßen Volksdichter, den in russischer Volkssprache, aber auch von Zeit zu Zeit in jüdischer Sprache dichtenden F r u g verloren, der auf seinem Sterbebett noch den Versuch machte, in hebräischer Sprache zu dichten und zu reimen. 50