Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Journal
- Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Volume
- 12 (1922) Karlsbad, 1. bis 14. September 1921
- Date
- 1922-01-01
- Page
- Seite 23 (sequence 33)
- Language
- German, English, Hebrew
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Neuzeit entscheidend; die jüdische Tragödie hingegen bleibt von dem Wechsel der Zeiten unberührt Aber unser Volk lebt! Wohl ist der Körper des jüdischen Volkes zerschlagen, aber die jüdische Seele lebt. Die Leidenszeit hat unser Volk aus seiner Apathie aufgerüttelt und es erschien wieder, wie in alter Zeit, als ein Volk von Brüdern! Die Leistungen unserer Brüder in Amerika bilden ein Ruhmesblatt in der Zeitgeschichte. Es wäre eine Beleidigung, zu sagen, daß unsere dortigen Brüder freigebige Spender waren. Nein, in unserem Volke gibt es keine „Geber" und „Empfänger"; es galt, eine nationale Pflicht zu erfüllen. Da gab es keine Ausnahme, keine Grenzunterschiede, die Schranken wurden überwunden und das Volk half und rettete sich, so gut es konnte. Bewundernswert war die Selbsthilfe in Rußland selbst; jedes jüdische Haus verwandelte sich in ein Asyl, jeder Bissen Brot wurde geteilt. Dies ist für uns eine Quelle der Stärkung und der Zuversicht. Wenn wir nunmehr an unser Volk den Ruf richten: Rettetdie Juden Ukrainas! oder: Rettet die Kinder! — so sind wir sicher, willige Ohren und Herzen zu finden. Wir müssen aber zugleich und vor allem unser Volk auffordern, dem Zustand ein Ende zu setzen, der diese Erscheinungen möglich macht! Wir haben gewarnt! Theodor Herzl, dessen großer Schatten noch heute unser heimlicher Führer ist (die Versammlung erhebt sich), hat bereits vor einem Vierteljahrhundert auf die wachsenden Gefahren hingewiesen, die der Mangel einer Heimstätte in sich birgt. Mit männlicher Offenheit und mit Freimut hat er die Quelle des Leids aufgedeckt. Dafür verschrie man ihn und uns alle als Schwarzseher und Unglückspropheten. Der Aufschrei der in uns beleidigten Menschheit, es könne so nicht weitergehen, ein ehrliches Dahinschwinden sei besser als das Weiterschleppen dieser Qual, der Schrei nach Erlösung, der sich unserer Brust schon auf dem ersten Zionistenkongreß entrang, wurde kaum ernst genommen. Als wir uns nicht auf die palliativen Mittel beschränken wollten, sondern das Uebel an seinen Wurzeln anzufassen versuchten, als wir Wege wiesen und der Zukunft vorarbeiteten, verhöhnte man uns als Utopisten. Hätte das jüdische Volk seine ganze Kraft schon damals dafür eingesetzt, unser Ideal zu verwirklichen, dann wäre die Heimstätte schon lange da. Der Wendepunkt. Jetzt sind wir bei einem neuen Abschnitt unserer Entwicklung angelangt. Zweitausend Jahre standen wir im Warteraum der Weltgeschichte, endlich sind wir eingetreten. Die Balfoursche Deklaration, die gleichlautenden Erklärungen Frankreichs, Italiens, der Vereinigten Staaten Amerikas und anderer Mächte, die Konferenz 23