Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Journal
- Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Volume
- 11 (1914) Wien, 2. bis 9. September 1913
- Date
- 1914-01-01
- Page
- Seite 194 (sequence 201)
- Language
- German, English, Hebrew
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— 194 — als reichlichen Mitteilungen in unserer Presise, durch den Ihnen gedruckt vorliegenden Bericht des E. A. C. an den Kongreß und durch das Referat des Herrn Vorsitzenden des Nationalfonds-Direktoriums zur Genüge unterrichtet sind. Ich stelle mir deshalb in meinem Bericht eine andere Aufgabe. Ich will die prinzipiellen Fragen erörtern, die bei der Beurteilung unserer Tätigkeit immer wieder auftauchen; ich will Ihnen die Grundzüge des Systems aufzeigen, das uns zur Richtschnur gedient hat; und ich will ferner darlegen, weshalb wir von allen möglichen Wegen bei unserer Arbeit gerade diesen Weg gegangen sind. Als ich im Jahre 1907 noch als einfacher Tourist Palästina mehrere Monate lang durchreiste, deprimierte mich am meisten die Energielosigkeit und Mutlosigkeit, die ich unter den Juden, besonders in den Kolonien in Judäa, Samaria und Obergaliläa vorfand. Ich versuchte, den Zustand auf eine diagnostische Formel zu bringen, und es schien mir, als ob man ihn am besten als Ueberalterung bezeichne. Die Kolonien in Judäa, Samaria und Obergaliläa waren im Durchschnitt zwanzig Jahre alt: Die einst als junge Männer, sei es aus Begeisterung, sei es aus Hoffnung auf materiellen Gewinn die Kolonien gegründet hatten, waren in harter und oft vergeblicher Arbeit mürbe und alt geworden, und der Nachwuchs fehlte. Die Jugend hatte von den Eltern weder die Begeisterung noch die Hoffnung auf Gewinn übernommen, und sie hatte deshalb die Kolonien verlassen, um in den Städten oder außerhalb Palästinas ihr Glück zu versuchen. Manche Kolonien sahen geradezu wie Greisenhäuser aus. Man durfte der Jugend darob kaum grollen. Sie konnte den Eltern mit Recht vorhalten, daß die Wirklichkeit ihre Hoffnungen als trügerisch erwiesen hatte. Habt Ihr Geld verdient und habt Ihr eine sichere Zukunft vor Euch? Diese Frage hörten die „materialistischen" Eltern von ihren Kindern und mußten sie verneinen. Und in keiner besseren Lage gegenüber ihren Kindern waren die „idealistischen" Eltern. Als sie mit dem Feuer der Jugend nach Palästina gekommen waren, da hatten sie geträumt, daß es nur ihres festen Willens bedürfe,, um ganz Palästina mit blühenden jüdischen Dörfern zu bedecken und die gesamte Judenheit des Galuth nach Palästina zu ziehen. Und was war das Resultat fünfundzwanzigjähriger Arbeit? Wie winzig war es im Verhältnis zu dem Erträumten! Und das schlimmste war, daß nicht eine einzige neue Kolonie hinzugekommen war, daß das ganze Kolonisationswerk auf einem toten Punkt angelangt zu sein und sogar abzubröckeln schien. Hatten die Kinder da nicht recht, wenn sie das sinkende Schiff verließen? Ich gewann die Ueberzeugung, daß hier nur eins Hilfe bringen konnte: eine Verjüngung der Kolonien durch Heranziehung neuer junger und begeisterter Elemente aus Europa. Es mußte eine Blutauffrischung stattfinden, um dem alternden Organismus neue Spannkraft zu geben. Und das war ja gerade unser Glück, daß wir zwar arm an Mitteln, aber immer noch reich an opferwilligen Menschen waren. Es gab in Palästina Leute, die es als ganz selbstverständlich betrachteten, daß, wenn überhaupt die zionistische Organisation in