Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Journal
- Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Volume
- 9 (1910) Hamburg, 26. bis 30. Dezember 1909
- Date
- 1910-01-01
- Page
- Seite 412 (sequence 412)
- Language
- German, English, Hebrew
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— 412 — Dem Zweck der wirtschaftlichen Hebung der galizisehen Judenheit dient in erster Linie die von den Zionisten geschaffene Bank „Credit-Union*, die seit einigen Monaten arbeitet und sich bereits gut entwickelt hat, Außer der Zentrale in Lemberg hat sie in den letzten Monaten in Tarnopol, Brzezany und Brody Filialen eröffnet. Die Bank ist zweifellos berufen, ein überaus wichtiger Faktor im wirtschaftlichen Leben der galizischen Judenheit zu werden. 7. Ungarn Der Ausbreitung der zionistischen Bewegung in Ungarn standen bisher zwei Umstände hindernd im Wege: das feindliche Verhalten der offiziellen Kreise der neologen und orthodoxen Judenheit einerseits und der passive Widerstand der Regierung anderseits. Angesichts dieser Schwierigkeiten kann mit um so größerer Genugtuung konstatiert werden, daß der Zionismus in Ungarn seit dem VIII. Kongreß einen sehr starken Aufschwung genommen hat, der insbesondere seit Beginn des Jahres 1909 in einer allgemeinen Ausbreitung der Bewegung zum Ausdruck kommt. Der Zionismus hat in der letzten Zeit die Sympathie der öffentlichen Meinung in immer größerm Maße gewonnen, so daß sich die ersten Anzeichen eines allgemeinen Umschwungs der Stimmung bereits deutlich bemerkbar gemacht haben. Wenn auch die zionistische Organisation heute in Ungarn noch verhältnismäßig schwach ist, so existiert doch bereits ein sehr starker latenter Zionismus, der nur günstigerer Verhältnisse bedarf, um in einer mächtigen zionistischen Landesorganisation zum Ausdruck zu kommen. In den Herbstmonaten 1908 wurde das Bureau der ungarischen Landesorganisation von Grund auf reformiert und in die Lage gesetzt, eine über das ganze Land ausgebreitete, programmäßige Propaganda in Volksversammlungen und mittels Flugschriften zu entfalten. Diese Propaganda war so erfolgreich, daß sie zunächst Angriffe von jüdisch-gegnerischer Seite und infolgedessen wiederum seitens der antisemitischen Volkspartei auslöste. Diese benutzte die antizionistische Kampagne, um Stimmung gegen den dem Parlamente unterbreiteten neuen Wahlgesetzentwurf zu machen, der den Juden ziemlich günstig war. Es erschienen Leitartikel in antisemitischen Blätern, die den Zionismus als staatsgefährlich denunzierten, und es wurde auch eine Interpellation gegen den Zionismus im Parlament eingebracht. Indessen gelang es der zionistischen Organisation, den aus diesem Angriff drohenden Gefahren zu begegnen, so daß die ganze Affäre schließlich dem Zionismus nur Nutzen gebracht hat da sie natürlich von zionistischer Seite propagandistisch verwertet wurde. Insbesondere fand ein in Form einer Broschüre abgefaßtes zionistisches Memorandum an die Regierung und das Parlament eine kolossale Verbreitung und eine sehr sympathische Aufnahme in der ganzen Presse und der Öffentlichkeit.