Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Journal
- Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Volume
- 9 (1910) Hamburg, 26. bis 30. Dezember 1909
- Date
- 1910-01-01
- Page
- Seite 372 (sequence 372)
- Language
- German, English, Hebrew
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— 372 — Mit verschwindenden Ausnahmenvertritt die Presse und die Literatur unserer Brüder in Rußland diesen Standpunkt. Mit Ausnahme einer kleinen Gruppe führender Juden in Polen, insbesondere in dessen Hauptstadt, die sich noch antinational gebärdet und mehr infolge des Trägheitsgesetzes als neuer, der Zeit entsprungener Impulse ihr Dasein künstlich verlängert, ist die Assimilation in der großen Judenheit des Gesamtreiches ein überwundener Standpunkt geworden. Die sogenannte „Jüdische Volksgruppe" in Petersburg, die vor einigen Jahren antizionistische Tendenzen an den Tag legte, ist mit vielen andern temporären Bildungen eines politischen Zeitgeistes in den Orkus der Vergessenheit versunken. Von seiten der extremen Parteien wurde das nationale Prinzip zwar bemängelt, reduziert und nach ganz andern Richtungen abgelenkt, aber das war keine eigentliche Assimilation, und es ist auch im Gewirr allgemeiner politischer Parteiungen untergegangen. Abgesehen davon, daß die mächtig gewordene Reaktion diese Elemente zum Teil verjagt und verdrängt und zum Teil zum Stillschweigen gebracht hat, wäre auch eine konstante Befehdung des nationalen Prinzips in Rußland seitens jüdischer Massen gar nicht denkbar, weil die ganze Entwicklung mit aller Gewalt unsere Brüder nach dem Nationalen hindrängt. Die revolutionären Jahre, die reicher an Enttäuschungen und Aufregungen als an Erfolgen waren, haben viele Ablenkungen verursacht. Die berechtigten Hoffnungen auf eine Gleichberechtigung hatte die Geister und Gemüter in Anspruch genommen. Zu ihnen gesellte sich eine überreizte Phantasie und überspannte Forderungen, die an sich vielleicht gerecht waren, die aber auf keinerlei Verwirklichung Anspruch erheben konnten. Alle diese Tendenzen hatten sich in verschiedene Parteien und Organisationen verkörpert. Einen ungeheuer weiten Spielraum hatte der Nuancierungs¬ und zum Teil auch Zerbröckelungsprozeß innerhalb des jüdischen Proletariats, welches von allen möglichen Ideenströmungen durchflutet ist. Es gab kein System, keine Theorie, keine Hypothese, kein Schlagwort in der modernen Wirtschaftslehre, in den modernen Arbeiterbestrebungen und in ihren unendlich verschiedenartigen Keimen, Ansätzen, Verzweigungen und Kombinationen, die nicht sofort ihre Wortführer unter den Intellektuellen des Proletariats und in vulgarisierter Form ihre überspannten, fanatischen Anhänger in der Gasse, die sie gierig durch die jiddischen Übersetzungen aufsog, gefunden haben. Es fehlte keine einzige Nuance, — und alles in stärkerer Potenz als bei den andern. Mehr Polen als die Polen selbst, mehr Litauer als die Litauer, mehr Ukrainer als die Ukrainer, und radikaler als alle Radikalen, trug diese Entwicklung das bekannte Gepräge der Assimilation mit ihren Übertreibungen und mit ihrer Affektation. Dann kam im proletarischen Zionismus