Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Journal
- Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Volume
- 9 (1910) Hamburg, 26. bis 30. Dezember 1909
- Date
- 1910-01-01
- Page
- Seite 303 (sequence 303)
- Language
- German, English, Hebrew
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3476254-3476272--3333-3479474- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
303 — Wer dafür ist7 bitte ich, die Hand zu erheben. (Geschieht.) Gegenprobe! (Dieselbe erfolgt.) Der Antrag* ist angenommen. (Lebhafter Beifall und Händeklatschen. — Große Unruhe.) Wir haben noch einige Anträge zu Palästinafragen zu erledigen, ich bitte die Delegierten, Platz zu nehmen. Es ist ein Antrag gestellt worden von Dr. Samuel Rappaport. Ich erteile ihm das Wort. Delegierter Dr. Samuel Rappaport: Geehrtet Kongreß! Ich habe mir erlaubt, hier eine Reihe von Anträgen zur Palästinadebatte zu stellen. Dieselben sind der Ausfluß einer längeren Studienreise in Palästina, und ich bitte um Ihr Gehör. Man merkt in Palästina auf Schritt und Tritt die unglücklichen Folgen der Unfähigkeit infolge der Charter-Politik, zu der uns die frühere Leitung verurteilt hat. Allein, seitdem Herr Professor War bürg die Leitung übernommen hat, weht ein anderer Geist und eine frischere Luft in Palästina. Es muß zugestanden werden, daß viel gearbeitet wird. Es wTircl gearbeitet, aber es werden auch sehr viele Fehler gemacht. Ich glaube, es wäre ein Verbrechen, wollte man nicht hier auf alle diese Fehler aufmerksam machen; denn wenn es besser werden soll, muß man die Fehler kennen. Leider wurden die Zustände in Palästina durch die längere Debatte über die Palästinafrage nicht genügend erörtert. Es gibt eine Reihe absoluter Fragen, die geklärt werden müssen. - In erster Linie kommt das Formale in Betracht. Die Zersplitterung der Leitung, die Uneinigkeit zwischen dem Odessaer Komitee und dem Palästinaressort, hat Palästina großen Schaden zugefügt. Schon auf den ersten Blick in Jaffa im Palästinaamte und im Informationsbureau gewinnt man den Eindruck, daß hier zwei Körperschaften bestehen, die sich gegenseitig Konkurrenz machen. Die Einnahmen fließen aus denselben Quellen und denselben Taschen und werden deshalb in nicht kleinem Maße vergeudet; abgesehen von dem materiellen Schaden üben sie noch einen großen demoralisierenden Einfluß auf die Zustände in Palästina sowie auf die Zustände der Immigranten aus. Sollen die Verhältnisse besser werden, wäre es notwendig, daß einfach alle die Konkurrenzinstitutionen des Palästinakomitees wie des Palästinaressorts zu einem einzigen Amte vereinigt werden. Vizepräsident Dr. Bodenheimer: Sie haben ja Gelegenheit, in der „Welt" Ihre Ansicht noch bekannt zu geben. Es wird in das Kongreßprotokoll aufgenommen werden, daß Sie diesen Antrag begründet und befürwortet haben. Der Kongreß wird beschließen, daß dieser Antrag, den Sie gestellt haben, dem E. A. C. zur gefälligen Berücksichtigung überwiesen wird. Delegierter Dr. Rappaport (fortfahrend): Es wäre dann notwendig, daß dem Palästinaamte in Jaffa ein Palästinarat zur Seite gestellt wird, von dem die Initiative ausgehen solle. Die Mißerfolge in Palästina kommen daher, weil die Anregungen aus Berlin kommen, wo man die Verhältnisse nicht übersieht und gar nicht kennt. Ein anderer, nicht minder wichtiger Antrag nimmt darauf Bedacht, daß die Arbeiter in Palästina sowie die meisten Bauern nicht die geringste Ahnung von Agronomie und Landwirtschaft haben. Mit Ausnahme einiger weniger Bauern in Galiläa haben wir in Palästina im eigentlichen Sinne gar keine Bauern. Die Wirtschaft wird nicht planmäßig geführt, und wenn wir auch Agronome in Palästina hatten, haben sie sich nicht die Mühe genommen, die Bauern in Palästina zu unterrichten und ihnen zu zeigen, wie sie wirkliche Bauern werden können. Ein zweiter Umstand ist der, daß die Bauern in Palästina keine Ahnung von Viehzucht haben. Die Veterinären Verhältnisse liegen darnieder. Geringe Seuchen, die anderwärts mit ganz kleinen Mitteln beseitigt werden, raffen in Palästina das ganze Vieh weg, so daß blühende Wirtschaften über Nacht zugrunde gehen.