Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Journal
- Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Volume
- 9 (1910) Hamburg, 26. bis 30. Dezember 1909
- Date
- 1910-01-01
- Page
- Seite 16 (sequence 16)
- Language
- German, English, Hebrew
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— 16 — Dr. Max Nordau: Das Ereignis, das seit unserer letzten Tagung im Haag vor mehr als zwei Jahren alle Zionisten am tiefsten erregt und am anhaltendsten beschäftigt hat und das auch in der Eröffnungsrede unseres Vorsitzenden, dem Sie soeben den lebhaftesten Beifall gespendet haben, den breitesten Raum einnimmt, war bezeichnenderweise kein zionistisches. Es war die unblutige Umwälzung, die sich am 24. Juli 1908 in Konstantin opel vollzogen hat und der erst am 13. April des laufenden Jahres ein blutiges Nachspiel folgen sollte. Als die überraschende Kunde durch die Welt hallte, daß in der Türkei der Despotismus niedergerungen war, der Sultan einer freisinnigen Verfassung seine Zustimmung erteilt hatte und das ottomanische Reich sich in eine parlamentarisch regierte Demokratie umwandeln sollte, da erfaßte ein wahres Fieber den ganzen zionistischen Teil des jüdischen Volkes. Die bedauerliche Unstetigkeit des jüdischen Temperaments, unsere unglückselige Nervosität, offenbarte sich wieder mit Ungestüm. In der zionistischen Presse, in zionistischen Versammlungen trat ein erschreckender Überschwang zutage. Wenn man diesen tumultuarischen Kundgebungen glauben sollte, waren die Vorgänge in Konstantinopel die weitaus wichtigste Begebenheit der jüdischen Geschichte, die sich seit vielen Jahrhunderten zugetragen hatte. Der Zionismus war urplötzlich seinem Ziele auf Armeslänge nahegekommen. Dieses Ziel war beinahe schon mit der ausgestreckten Hand zu erreichen. Eine moderne, freisinnige Türkei mußte uns mit offenen Armen aufnehmen. Um das Recht zur Einwanderung in Palästina zu erhalten, brauchten wir es jetzt nur zu verlangen. Der Zionismus mußte sich ungesäumt den völlig geänderten Verhältnissen anpassen. Er mußte sich auf eine ganz neue Unterlage stellen, seine alten Methoden aufgeben, künftig mit von den bisherigen völlig verschiedenen arbeiten. Alles wandte aufgeregt die Blicke zur Leitung. Man erwartete von ihr auf der Stelle eine Tat, ein augenblickliches Einhaken in die neuen Entwicklungen der Türkei. Man war enttäuscht, bestürzt, erbittert, als diese Tat nicht sofort erfolgte. „Woran denkt man in Köln?" fragten hundert ungeduldige Stimmen; „hat man dort denn kein Verständnis für die ungeheure Wichtigkeit der türkischen Ereignisse? Wird man diesen großen Augenblick, der vielleicht in Jahrhunderten nicht wiederkehrt, ungenutzt vorübergehen lassen?" Und die Ratgeber, an denen es im jüdischen Volk bekanntlich zu keiner Zeit fehlt (Heiterkeit), begannen die Fülle ihrer Weisheit auszuspenden (Heiterkeit). Die zionistische Leitung mußte sich sofort mit den türkischen Machthabern in Verbindung setzen, sie für dia Pläne des Zionismus durch Aufklärung, Überredung, Dienstesanerbietungen zu gewinnen suchen. Der Schwerpunkt der zionistischen Tätigkeit mußte ungesäumt in die Türkei verlegt werden. Am zweckmäßigsten war es, die Leitung siedelte nach Konstantinopel