Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Journal
- Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Volume
- 8 (1907) Haag, 14. bis 21. August 1907
- Date
- 1907-01-01
- Page
- Seite 265 (sequence 263)
- Language
- German, English, Hebrew
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3476254-3476270--2840-3478980- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
— 265 — ja ähnliches bereits hier im Kongresse gehört —: „Hinneh baal ha-chalomoth ha-laseh ba!" — „Da, ist ja der alte Träumer wieder, mit seiner Ideologie und den geistigen Fragen, mit Kultur und Hebräisch, während wir doch „praktische'4 Arbeit verrichten wollen und Notstände zu lindern gekommen sind." Darauf antworten wir: Nein, nicht Notstände zu lindern sind wir hergekommen, sondern die eine große Not, die Not: Jude zu sein und in der Diaspora leben zu müssen. Das ist keine Not des Magens, sondern eine Not 'der Seele. Diese Not w7ill und muß der Zionismus aus; der Welt schaffen. Darum ist die nationale Erziehung eine der elementarsten Aufgaben unserer Organisation. Wir; haben dies an dieser Stelle oft und oft gesagt, aber es wird vielleicht jetzt besser verstanden werden, da wir in den letzten Jahren in Rußland einen geistigen Pogrom erlebten, der in seiner Ausdehnung und in seinen Folgen nicht minder bedeutsam und tiefgreifend ist, als die materiellen Pogrome. Dieser geistige Pogrom besteht in der plötzlichen Zertrümmerung unserer nationalen Geistesarbeit, in der Zerstörung von Errungenschaften und Ergebnissen jahrzehntelanger harter Arbeit. Die hebräische Literaturarbeit, die in den letzten Jahrzehnten in Rußland eine ungeahnte Blüte erreichte, scheint plötzlich wie mit einem Schwamm weggewischt. Die Zeitungen und Revuen, die Brennpunkte des hebräisch-literarischen Lebens waren, haben fast alle ihr Erscheinen eingestellt; die literarischen Verlagsanstalten, die Zentren des wiedererwachten national-geistigen Schaffens, die Hunderttaüsenden hebräisch lesender Juden geistige Nahrung zuführten, die vielen jungen talentvollen Schriftstellern die materielle Möglichkeit literarischen Schaffens boten, haben gänzlich oder fast gänzlich ihre Tätigkeit eingestellt. Alles, was blühte und wuchs zu unserer Freude, ist unter den Trümmern der Massakres begraben worden, und nichts blieb übrig, als eine erschreckende Leere und eine beunruhigende Verwirrung. Es haben sich insbesondere im Schöße der russischjüdischen Jugend in den letzten Jahren mit unheimlicher Sprunghaftigkeit und einer nervösen Hast, wie sie nur die Stickluft der Pogrome erzeugen^ konnte, Ideenevolutionen vollzogen, die (obwohl sie die Marke des Nationalismus und selbst des Zionismus führen) eine vollständige Abkehr von allem Jüdischen, den gänzlichen Bruch mit dem historischen Judentum bedeuten. Von dieser Seite wurde die Parole ausgegeben, daß die hebräische Sprache in die Rumpelkammer gehöre und daß der Jargon die Nationalsprache der Juden werden müsse. Dies ist so etwas wie sprachlicher Territorialismus, ebenso unhistorisch