Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Journal
- Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Volume
- 8 (1907) Haag, 14. bis 21. August 1907
- Date
- 1907-01-01
- Page
- Seite 83 (sequence 81)
- Language
- German, English, Hebrew
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— 83 — Synthese sich gebildet hat. Wenn nun die überwiegende Mehrheit der Führer des Zionismus heute auf demselben theoretischen Boden steht, so muß die Ursache der Passivität unseres A. C. tiefer liegen. Und in der Tat, diese Urs;ache liegt nicht mehr in einer Differenz der Anschauungen betreffs des Prinzips der Aktion selbst. Es hat sich innerhalb des engeren A. C. eine Strömung geltend gemacht, die — ich weiß nicht, aus Temperament oder Üeberzeugung — geradezu, ich möchte sagen, dem Prinzip der Inaktivität huldigte. Ich hjafoe erwähnt, daß alle Agenden in pünktlichster Weise erledigt wurden; aber der Bescheid war immer ein ablehnender. Maßgebend war hierbei zumeist die Erwägung, daß ein bedeutsamer Schritt auch mißlingen könnte und auf diese Weise das Gegenteil des gewünschten Erfolges herbeigeführt werden würde. Ein derartiges Räsonnement zeugt zweifellos von einem hochentwickelten und sehr respektablen Verantwortlichkeitsgefühl. Aber, meine Herren, wenn man sich immer von solchen Erwägungen leiten ließe, würde ja niemals eine Schlacht geschlagen werden, denn niemand ist im Vorhinein des Sieges gewiß. Jedenfalls waren die siegreichen Generäle nicht aus diesem Holz geschnitzt. Ich möchte also als die letzte Ursache der Inaktivität des A. C. die Furcht vor der Tat bezeichnen. (Lebhafter Beifall.) Nun möchte ich ohne weiteres zugeben, daß im politischen Leben unter gewissen Umständen das Prinzip des Zögerns, der Inaktivität berechtigt ist. Ich werde mich aber bemühen, zu beweisen, daß es in unserem Falle nicht richtig ist, daß für unsere Organisation das Prinzip der Aktivität das richtige ist. / Versuchen wir einmal, das Wesen unserer Bewegung weltgeschichtlich zu erfassen. Man wirft uns gerne vor, daß wir weltfremde Schwärmer seien, die Utopien nachgingen. In Wahrheit tun wir nichts anderes, als alle anderen Völker tun und tun müssen, gedrängt von weltpolitischer und weltwirtschaftlicher Notwendigkeit. Wir sind ein uraltes Volk, welches in jeder geschichtlichen Periode neugeboren wird und das Leben der Zeitgenossen mitmachen muß. Für die modernen Völker ist nun die Periode des Erwachens des nationalen Bewußtseins herangebrochen, die Periode der nationalen Einigung, die dann durch ein staatliches Band konsolidiert wird. Dr. Nordau hat es schon angedeutet und hier stimme ich mit ihm überein» Ganz so wie früher die Griechen, Italiener und Deutschen, i so werden wir Juden heute von einem übermächtigen, weltgeschichtlichen Strom gegeneinander getrieben und versuchen es, diese neue nationale Einigung durch ein staatliches Band zu konsolidieren. Welches Volk aber hätte dies nötiger als wir Juden, das zerstreuteste unter allen Völkern, ein Völkerstaub, über die ganze Erde geschüttet? Nun aber sehen wir, daß an den Prozeß der staatlichen Konsolidierung bei den modernen Völkern sich unmittelbar ein zweiter Prozeß knüpfte, der der territorialen Expansion, der der Kolonisation. Die Völker fanden, daß die Heimat ihnen (nicht genüge. Man erinnerte sich an den Ausspruch von Columbus: Die Welt ist klein. Nun begann ein gewaltiges Ringen um einen größeren Platz auf der Erdkugel. Wir müssen es uns zum Bewußtsein bringen, daß wir, was jüngst von europäischen Staatsmännern hervorgehoben wurde, in einer Zeit leben, wo eine neue, vielleicht endgültige Teilung der Welt vor sich geht. Wehe dem Volke, welchtes, wie der Poet in der Dichtung, während dieses Prozesses fernbleibt. Welches Volk aber hätte es nötiger, sich einen Platz auf der Erdkugel zu sichern als wir Juden, die wir kleine Heimat, nicht einmal einen Streifen Erde unser eigen nennen können, die wir aus allen Ländern vertrieben werden? Wenn aber unsere Organisation, wenn unser A. C. gewissermaßen das Kolonialamt des jüdischen Volkes repräsentiert, müssen wir uns wieder fragen, welche Prinzipien auf kolonisatorischem Gebiete sich bewährt haben.