Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Journal
- Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Volume
- 7 (1905) Basel, 27. Juli bis 2. August 1905
- Date
- 1905-01-01
- Page
- Seite 6 (sequence 4)
- Language
- German, English, Hebrew
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will versuchen, ihn zu sehen und zu zeigen, wie er wohl einst dem Geschichtsschreiber erscheinen dürfte, der ihn, unbeeinflusst von der strahlenden Wärme der Persönlichkeit, kühl nach seinen Taten beurteilen wird. Am 3. Juli, dem 20. Tammus, des vorigen Jahres hat Theodor Herzl für immer die Augen geschlossen. An seinem Todestage hatte er sein 44. Lebensjahr nur um zwei Monate überschritten. Der laute Aufschrei des Entsetzens, die lange Wehklage, die der tausendfache Widerhall der Nachricht von seinem Hinscheiden waren, Hessen ermessen, was er seinem Volke gewesen. Mit 35 Jahren dem jüdischen Volke ganz unbekannt, war er neun Jahre später sein Stolz und seine Hoffnung geworden. Dass er sich, diesen Platz im jüdischen Denken und Fühlen hat erringen können, ist eins der Wunder seines wunderbaren Lebens. : - Er war eine weite Strecke durch das Wasser der Assimilation gewatet, auch durch tiefe Stellen, wo es ihm fast über den Scheitel schlug; in den sonnigsten Jahren seines Daseins war er ganz von Int er ess eh eingenonitnen, die keinen Schimmer jüdischen Charakters zeigten; er ging ganz auf in künstlerischen Aufgaben; er lebte sich restlos ,aus in schriftstellerischer Arbeit; er hatte keinen anderen Ehrgeiz, als die Bühne zu erobern und sich im erkämpften Gebiete m behaupten. Nichts lenkte ihn in die Richtung seiner eigentlichen Lebensarbeit; nichts regte seinen Geist zur Beschäftigung mit jüdischen Fragen an, bis der Tag kam, wo die Lage des jüdischen Volkes ihm sein eigenes Judentum mächtig ins Bewusstsein rief. Er lebte Mitte der neunziger Jahre in Paris. Es war der tragische Augenblick, wo ider französische Volksörganismus voii der Dreyfuskrankheit befallen wurde, Die Strassen begannen widerzuhallen vom Schrei: „Tod den Juden!" Da horchte Herzl hoch auf. Eine der empfindlichsten Stellen seines Wesens wurde von einem rohen Hieb getroffen — sein Stolz. Denn Hefzl war ein stolzer Mann; nicht hochmütig, nicht eitel: stolzI Das heisst, er hätte das bestimmte Bewusstsein seines sittlichen Wertes und jene Selbstachtung adliger Naturen, die es in sich schliesst, dass man auch der Väter gern gedenkt. Er empfand sein Blut als ein kostbares Erbe, seine Herkunft als eine Auszeichnung. Dieser durch und durch vornehme Jude, der als Vertreter der Neuen freien Presse in Paris von Berufs wegen alle Volksversammlungen besuchen, täglich in die Kammer gehen und die antisemitischen Zeitungen und Schriften lesen musste, blickte schaudernd in den Abgrund antisemitischer Bestialität, der vor ihm aufklaffte. Er