Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Journal
- Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Volume
- 6 (1903) Basel, 23. bis 28. August 1903
- Date
- 1903-01-01
- Page
- Seite 183 (sequence 184)
- Language
- German, English, Hebrew
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— 183 — von Millionen armseliger, elender Menschen in kürzester Zeit, während doch die Völkerwanderungen der alten Zeit kaum ebenso viele Hunderttausende in Bewegimg setzten, und während doch die grösste Völkerwanderung der Welt, nämlich diejenige der deutschen Ackerbauer nach den Vereinigten Staaten von Amerika, mehr als 80 Jahre brauchte, um ungefähr 14 Millionen Auswanderer zu kolonisieren. — Die zweite Schwierigkeit besteht darin, dass dasjenige Gebiet, in welches diese Auswanderung aus unabweisbaren Gründen gelenkt werden muss, ein verhältnismässig enges ist, so eng, dass von vornherein mit einer sehr bedeutenden Dichtigkeit der Kolonisation zu rechnen ist, wie sie nur in den höchst entwickelten Kulturstaaten als Ergebnis einer langjährigen friedliehen Entfaltung von Ackerbau und Industrie hat entstehen können. Die dritte Schwierigkeit besteht darin, dass dieses Gebiet nach Klima, Bodenlage, Pflanzenproduktion usw. sehr verschieden ist von denjenigen Ländern, aus denen der Strom der Einwanderung abzuleiten ist. Der Unterschied zwischen der extensiven Ackerkultur Westeuropas mit seiner reichen Bewässerung und der schon nahezu subtropischen Kultur der Steppe, die künstlicher Bewässerung bedarf, sind ebensoviele Schwierigkeiten der zionistischen Kolonisation. Die vierte und grösste Schwierigkeit liegt in der Beschaffenheit des fortzuführenden und anzusiedelnden Menschenniaterials. Hier ist weltgeschichtlich durchaus Xenes zu leisten; ja selbst Eabbi Ben Akiba müsste zugeben, dass sein Lieblingsspruch hier einmal unwahr wird; denn alle Völkerwanderungen der Vergangenheit gingen aus entweder von reisigen Hirtenkriegern, die ans ihrer Steppe hervorbrachen, um in den Schwemmebenen der Ströme die Herrschaft über leibeigene Bauern zu suchen — oder von friedlichen Ackerbauern," denen die Heimat aus irgend einem Grunde zu eng geworden war, und die nun auszogen, um'mit Pflug und Karst eine neue Heimat zu gewinnen. Das Volk aber, das wir aus dem furchtbarsten Drucke zu erlösen haben, der jemals auf einer Mensehemnasse lastete, die zu Parias herabgesunkenen und jeder Gewalttat vogelfrei preisgegebenen, zum tiefsten denkbaren Grunde menschlichen Elends niedergedrückten Juden Halbasiens, das sind weder Krieger noch Aekerer, sondern fast durchaus städtische Handwerker. Seitdem vor 2000 Jahren das Schwert der Börner die Wurzel zerschnitt, die das Volk in seinem Stammlande gesehlagen hatte, hat man ihm in aller Welt die Berührung mit der aMutter Erde versagt, die den Biesen Antäos immer wieder in uiigcmindecter Kraft sich wieder erheben hisst: sie durften nirgends Bauern sein. Und so haben wir es heute mit einem körperl ich minder wert igen und ausserdem noch durch Hunger, schmutzige Xot, Gram und soziale Erniederung verkümmerten Menschenmaterial zu tun: unzuverlässige Bausteine für ein neues Volkstum. Diese Schwierigkeiten sind von so ungeheurer Grösse, dass es wohl zu begreifen ist, wenn sogar der Optimismus mutlos den Arm hängen lässt.