Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Journal
- Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Volume
- 6 (1903) Basel, 23. bis 28. August 1903
- Date
- 1903-01-01
- Page
- Seite 5 (sequence 6)
- Language
- German, English, Hebrew
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Judennot im Osten Europas steigt. Und doch sind es Länder, an deren hoher Gesittung zu zweifeln einfach töricht wäre. Diese Staaten glauben ihrer sonstigen Humanität — ich sage es nicht ironisch — Einhalt gebieten und die Judenfrage, die für sie die Frage der jüdischen Einwanderung ist, politisch behandeln zu müssen. Xur bei uns Juden sträuben sich noch manche ängstlich, darin ein Politicum zu sehen. Diese Angst aber wird uns mehr Mitleid als Zorn einflössen, wenn wir sie recht verstehen. Es ist eine Platzfurcht, die noch aus der engen Judengasse stammt. Indessen entwickeln sich die Djnge unaufhaltsam. In England, dem letzten bisher noch ganz offenen Zufluchtsorte, wurde eine königliche Kommission zur Untersuchung der Fremdeneinwanderung eingesetzt. Der Fremden, um nicht zu sagen der Juden. Die Konklusionen des Berichtes lassen aber keinen Zweifel zu, über wessen Einwanderung die Kommission sich zu äussern hatte. Mar. sieht ordentlich, wie das freie, grossmütige England mit sich kämpft, wie schwer es sich eine harte Massregel g*egen arme Menschen abringt, wie es eine eigene, langwierige Untersuchung einleitet, bevor es zu endgültigem sich entschliesst. Es gibt nämlich alte Prinzipien, glorreich wie Fahnen, die nicht ganz unbeschädigt bleiben, wenn England unschuldig Eng-Ricklichen nicht mehr das freie Asyl gewährt. Und genau dasselbe gilt von Amerika, das gross geworden ist, weil es ein Asyl war. Von den Regierungen der an der Judenwanderung beteiligten Länder wird unser Werk täglich besser verstanden. Unsere Lösung, die dem jüdischen Volke zu einer Heimstätte verhelfen will, entspricht so sehr einem allgemeinen Bedürfnisse, dass sie endlich gelingen muss. (Lebhafter Beifall und Händeklatschen.) Eine leichte Arbeit ist es freilich nicht. Es gibt Schwierigkeiten, die ausserordentlich viel Geduld und Treue erfordern. Aber schon dies ist ein Stück der Erziehung, die wir unterwegs bekommen. Es gibit schwere Tage, an denen man mühselig Errungenes zerfliessen sieht und vielversprechende Anfänge, die dann in sich zusammenbrechen. So lange eine Bewegung jung und schwach ist, müssen die Führenden befürchten, dass solche "Rückschläge die Anhänger demoralisieren könnten, und zur eigenen Enttäuschung und Ermüdung tritt noch die Sorge um die Fortführung der Arbeit, um die Beschaffung der Mittel, um die Ausdauer der Genossen. Doch auch das ist zum Guten. Es verliefen sich die, an denen man nichts verliert. (Stürmischer Beifall und Händeklatschen.) Sie ziehen ab, die einen mit ihrer gekränkten Eitelkeit, die zweiten, weil sie bei der Sache ihre Rechnung nicht fanden, die dritten, weil sie nur gern an Erfolgen teilnehmen und so noch andere aus mancherlei anderen Gründen. Die aber bleiben, denen wird die Sache durch jedes Opfer nur noch teurer. (Lebhafter Beifall und Händeklatschen.) Mit denen kann man den Weg fortsetzen, und ihnen kann man auch alles sagen. So war es in unserer Absicht, als wir diesen Kongress ein-