Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Journal
- Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Volume
- 4 (1900) London, 13. bis 16. August 1900
- Date
- 1900-01-01
- Page
- Seite 207 (sequence 207)
- Language
- German, English, Hebrew
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— 207 — Aulklärung wie auch in der Pflege jüdischer Erinnerungen. Wir verneigen uns in frommer Verehrung vor der alten Richtung. Aber erst im Zionismus erscheint das Hebräische in einem grossen Zusammenhange, von einem grossen Sinn und Zweck erfüllt. Die Leetüre hebräischer Schriften hat sich wenigstens verzehnfacht, die Journalistik wurde volkstümlich und populär, Jahrbücher und Monatsschriften linden einen verhältnismässig bedeutenden Absatz, nationale Verlagsgesellschaften arbeiten wacker, die Umrisse einer primitiven, dilettantenhaften Literatur erweiterten sich bedeutend; die vormals kleinen Verhältnisse wuchsen heran, der sentimentale, leider oft hausierende M cell a b e r verschwindet vor dem mit allen Geisteswaffen - ausgerüsteien j ü d i sc h e n Literaten: Ohne Mäcenatenthum, ohne Sinecuren und ohne Reptilienfonds entfaltet sich mit schwerer ernster Arbeit ein Schriftstellerstand: die hebräische Literatur ist an einem Wendepunkt in ihrer Entwicklungsgeschichte angelangt, wo sie wirklich ernste Anstrengungen macht, eine Literatur zu werden. Sie ringt nach Klarheit und nach Selbständigkeit. (Lebhafter Heifall und Händeklatschen.) Wir arbeiten mit mehr oder weniger Begabung, mit mehr oder weniger Energie, doch wir arbeiten. Und uns ist der Zionismus Trost und Kraft, die Ouelle immer neuer Lebenshoffnung. Wir sind nicht mehr ein winziges, armes, verspottetes Häuflein: wir sind nicht mehr die Hüter eines verlassenen und verwahrlosten Heiligthums, in welches die Stimme des Lebens nie gedrungen ist. Ja, wir haben noch tausend Hemmnisse und Einengungen, wir sind uns über unsere Schranken und Schwächen sicher, aber wir fühlen sie erst jetzt, weil wir schon im Leben stehen und weil wir keine isolierte Separatisten, sondern Söhne unserer Zeit sind, die den Austausch geistiger Erkenntnis vermitteln und ihre Persönlichkeit und ihr nationales Genie ganz ausleben wollen. Sowohl im Hebräischen, als in der jüdisch-deutschen Umgangssprache, wie auch in sonstigen Sprachen, in welchen nationale Juden sich an ihr Volk wenden, macht sich ein mächtiger Instinkt der Volkstümlichkeit bemerkbar. Ueberall sprossen neue Talente, überall rollt wirkliches Lcbensblut. Höchst bemerkenswert ist in dieser Beziehung die nationale Metarmorphose des Neuhebräischen. Dass man der hebräischen Sprache die feinsten und verborgensten Reize abgelauscht bleibt, . das unbestrittene Verdienst der Alten. Ihre Leistungen sind sicher jedes Lobes wert und der Gedanke liegt uns fern, die Auswüchse der Neuerungssucht gutzuheissen. Nun aber befinden wir uns in dem Stadium eines Umwandlungsprocesses, und dies ist ein wichtiges literarhistorisches und nationales Symptom, dessen Ursachen tiefer liegen, als es die Meisten ahnen. Man merke dies: bei einem Volke von aufsteigender Lebenskraft ist der Ausdruck des inneren