Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Journal
- Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Volume
- 4 (1900) London, 13. bis 16. August 1900
- Date
- 1900-01-01
- Page
- Seite 200 (sequence 200)
- Language
- German, English, Hebrew
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— 200 — Wahre zu finden sei, gehoben werden. Ein Volk ist aber nicht zu bewegen, seine Eigenart zu opfern, und auch die anderen haben sehr wenig Neigung gezeigt es in ihr Eigenwesen, in ihre Volksseele aufzunehmen. Die Nachahmung, dieser Dreh- und Angelpunkt der früheren Bildungspropaganda als bestimmendes Motiv für Leben und Entwicklung kann nie und nimmer die Weihe der Volkstümlichkeit, den mächtigen Instinkt des nationalen Ich-Gefühls, die wuchtige Kraft eines Massentriebes gewinnen. Jetzt erst. Dank dem Zionismus, hat man in vielen Voikskreisen die Passivität aufgegeben und die Brücke der Verständigung mit der national-jüdischen Intelligenz betreten. Jetzt erst bildet sich ein jüdisches Nationalbewusstsein sämmtlicher Parteien, welches auf gegenseitiger Achtung beruht und durch Annahmen gemeinsamer Pflichten festgekittet ist. Und dies kann und m u s s Fortschritt und Bildung herbeiführen. Meine Herren! Diesen Grundgedanken sprechen wir mit völliger Klarheit aus: Wir müssen fortschreiten auf der Bahn der geistigen und sittlichen Entwicklung. (Lebhafter Beifall.) Unter keinen Umständen werden wir uns zurückdrängen lassen in die Zustände vergangener Zeiten. Auch nicht um eines Haares Breite werden wir von dieser elementaren Lebensbedingung einer jeden Gesammtheit weichen. (Lauter Beifall und Händeklatschen.) In dieser Beziehung ist alles freundliche Bitten da und dort, alles Paktieren und Diplomatisieren zwecklos. Denn indem wir um ein menschenwürdiges, Geist, Leib und Charakter befreiendes Dasein ringen, müssen wir uns dazu vorbereiten, d a s s wir volle, gesunde und harmonische Menschen zu werden vermögen. Wir wollen eine von innerer Bewegung getriebene Entwicklung, nicht das schale Surrogat der Nachahmung. Hierin sehen wir die dauernde und praktische Grösse des Zionismus, wobei gar nicht in Betracht kommt, ob er nach kurzer oder sehr langer Zeit politisch verwirklicht werden wird. Dass wir sehr intensiv für uns selber sorgen, dass kein Problem uns drückender am Herzen liegt, als die Bildung eines höheren, vollkommeneren jüdischen Typus, der von sich sagen dürfte: Es ist kein Zwiespalt zwischen meinem Menschenthum und meiner natürlichen, echt-jüdischen Eigenart — das ist die Grundlage unserer geistigen Hebung! Und dieses Bestreben ist keine agressive Tendenz, denn wir verurtheilen jeden nationalen Chauvinismus. In der höchsten Aufgabe der Menschheit und der Gesittung wollen wir uns mit den Nationen, in deren Mitte wir leben, zusammenfinden. Wir berühren uns in unserem Innersten, im Kern unserer humanitären Bestrebungen. Nicht unabhängig von Zeit und Ort, nicht völlig abgelöst von den Verhältnissen soll unsere Geistesentwicklung sein. Wo es möglich ist, einträchtig und mit Erfolg zusammenzuwirken, da gilt kein Isoliren