Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Journal
- Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Volume
- 4 (1900) London, 13. bis 16. August 1900
- Date
- 1900-01-01
- Page
- Seite 15 (sequence 15)
- Language
- German, English, Hebrew
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3476254-3476262--1087-3477223- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
- ir> _ den Verzweiflungsschreien der über die Grenze? entkommenen Juden entgegenzuhalten. Man findet keine Schwierigkeit, diesen Mitteilungen in der antisemitischen Presse Aufnalnno zu verschalten, die gegenwärtig in allen „gesitteten* Ländern blüht, und wenn die unabhängige Presse die Maske abreisst und die Wahrheit aufdeckt, dann hat man eine Erwiderung zur Hand, die bei der heutigen Gemüthsveiiassiuig der Mehrheit aller Völker ihre Wirkung nie verfehlt : ,.Das sind Judenbläifer, die Rumänien beschimpfen wollen, weil es sich gegen jüdische Ausbeutung und jüdische Herrschsucht zu wehren sucht." ' In den Hunderten von Briefen, die ich von rumänischen Juden empfange, wird nach einer herzbrechenden Schilderung ihrer Leiden in der Regel am Schlüsse die Erwartung ausgesprochen, ich .würde liier die rumänische Regierung erbarmungslos brandmarken und mit meiner lautesten Stimme das Gewissen Europas, die öllenlliche Meinung der gesitteten Welt wachschreien. Ich fürchte, ich werde diese Erwartung unverwirklicht lassen müssen. Es passt nicht zu meinem Begriffe von persönlicher Würde, meinen Gefühlen die Zügel schiessen zu lassen, wenn es gilt, einem kleinen Staate seine Sünden vorzuhalten, während ich immer jedes meiner Worte sorgfältig auf die (ioldwage legte und vorsichtigste Selbstbeherrschung übte, so oft ich auf ganz ähnliche Handlungen mächtiger (irossstaaten hinzuweisen hatte. (Stürmischer Beifall und Händeklatschen.) Diese ürossstaalen waren das Vorbild der kleinen, ihr Beispiel hat die kleinen ermulhigt, an ihren Juden ihr Müthcheir zu kühlen. .Meine Selbstachtung verbietet mir, stärkere Worte gegen die kleinen zu gebrauchen, als ich gegen die Weltmächte gebraucht habe. Ich werde mich deshalb darauf beschränken, die nackten Thatsachen darzustellen, ohne sie mit einem Affect Worte zu erläutern. Aber das ist ja auch nicht nölhig. .Die Thatsachen sprechen eine Sprache, die durch hinzugefügte Verwünschungen und Schimpfwoite nicht, verstärkt wird. End eben-owenig denke ich daran, pathetisch Europa anzurufen. Nirgendwo in Europa besteht für uns ein Wohlwollen, das über den nothdürl'tigen oder ausreichenden Schutz der eigenen Juden hinausgeht Keine Regierung hat so viel für uns übrig, dass sie unserefwegen der rumänischen Regierung Vorstellungen machen würde. Alles, was wir erwarten könnten, wäre, dass die Staaten ihre Grenzen gegen die rumänischen Einwanderer versperren würden, um auf diese Weise die rumänische Regierung zu zwingen, ihre eigenen Juden im Lande zu behalten. {Lebhafter Beifall und Händeklatschen.) Ich ziltere, wenn ich daran denke, dass man den rumänischen Juden diesen (Jeiailen erweisen könnte. End dann — wir müssen uns bemühen, objectiv zu sein. Europa hat zur Zeit wirklich andere Sorgen, als sich um die Lage des jüdischen Volkes