Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Journal
- Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Volume
- 3 (1899) Basel, 15 bis 18. August 1899
- Date
- 1899-01-01
- Page
- Seite 95 (sequence 95)
- Language
- German, English, Hebrew
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— 95 — «die sich um Staatshilfe an ihr Oberhaupt wenden dürfen. Sehen wir, wie in Russland, wo die Herren von Wien sehr weit sind, selbständig gearbeitet worden ist und zu weich ungewöhnlich segensreichen Zielen eile Herren gerade dadurch gekommen sind. Sehen wir auch im Transvaal dasselbe Beispiel am entgegengesetzten Ende der Welt, und sagen wir uns, dass die Agitation nach einem gegebenen Beispiele, aber doch selbstständig und nach den eigenen Bedürfnissen des Landes durchzuführen ist. Und nun komme ich zu einer rein principiellen Sache, die hier einmal berührt sein soll. Man sagt hier immer, der Schwerpunkt des Zionismus liegt im Osten. Das ist richig, und auf die Gefahr hin, den Widerspruch einiger Herren zu erregen, will ich sagen, dass es doch auch vielleicht total unrichtig ist. Sehen Sie, meine Verehrten, Sie haben ja eigentlich über das, was im Westen im Zionismus durchzuführen ist, keinen rechten Begriff. (Widerspruch.) Sie haben ein jüdisches Volk hinter sich, Sie sehen die Leute, mit denen Sie arbeiten, Sie kennen ihre Empfindungen, ihre Leiden, Sie leiden mit ihnen, dulden mit ihnen, aber Sie haben "auch die Genugthuung des Echos, die Freude, zu sehen dass die Leute fühlen, class Sie ihnen etwas Gutes bringen, Sie fühlen auch den Dank des Apostelthums, sehen die Bekannten und die Nachfolger. Wir aber sprechen in die thönerne Wand hinein, aus der keine Antwort und kein Echo erfolgt. (Lebhafter Beifall und Händeklatschen.) Herr Herbst hat uns erzählt, dass man ihnen in Bulgarien den Vorwurf macht, dass sie über die Taschen der Reichen gehen wollen. Tch mache Ihnen am Congresse ein Geständnis, dass auch wir versucht haben, über die Taschen der Reichen zu gehen. Ich erkläre Ihnen, dass sie sie fest zugehalten haben. (Stürmische Heiterkeit.) Unser Stand ist ein ganz anderer als der Ihre. Sie steigen in der Liebe und Achtung Ihrer Mitbürger, und wir isolieren uns, untergraben unsere Stellung, unsere Existenz. Man will uns social das Genick brechen, weil wir ein moralisches Rückgrat bekommen haben. (Lebhafter Beifall und Händeklatschen.) Nein, meine Verehrten, das Schwergewicht ist nicht im Osten. Im Osten ist die grosse Sturmflut, wo Vorurtheiie, eine arge Gesetzgebung, wo Armut, wo physische und moralische Leiden und eine feile Assimilationssucht den redlichen und moralischen Juden niederzureissen drohen, und diese Flut ergiesst sich nach dem Westen, und im Westen stehen die westlichen Zionisten als der Damm, der diese Bewegung endlich zum Halten bringen soll. (Lebhafter Beifall.) Jeder einzelne Zionist im Westen ist das, was die Schutz- und Sturmtanne in den Alpen ist, die Lawinen abhalten soll, jeder einzelne von uns ist ein Pionnier, und wir alle zusammen sollen einen Damm bilden, der Unglück und Elend festhalten und in ruhigere Bahnen lenken soll. Diese Herren haben gewiss inmitten der Sturmflut keine leichte Aufgabe, aber das .Schwergewicht lastet auf uns, insoferne, als wir gegenüber der ganzen öffentlichen Meinung standhalten sollen, insoferne, als wir den ganzen Druck der europäischen öffentlichen Meinung auszuhalten haben, die wir nach jeder Richtung hin vernichtet werden sollen, weil wir uns zum .Zionismus bekennen. (Lebhafter Beifall und Händeklatschen.) Verehrte Damen und Herren! Und doch verlangen wir nach keiner Richtung hin von Ihnen Dank, und darum, meine Herren aus dem Osten, bitte ich Sie nur um eines. Dass wir in der Front, d. h. im Westen, alle möglichen Angriffe zu erdulden haben, das wissen wir bereits. Halten Sie uns die Gegner und Feinde aus dem Osten ferne, halten Sie uns die Angriffe von dort ab, und so, wie Sie hier dem Comite und den westlichen Zionisten durch Ihr brüderliches Benehmen das Vertrauen ausgesprochen haben, so hoffe und wünsche ich, dass jeder neue Congress es immer bethätige, dass wir östliche und westliche Juden zusammengehören. Wir wollen nicht abrechnen, wo die