Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 17 (1897)
- Issue
- Heft 29 (1.12.1897)
- Date
- 1897-12-01
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 29. Oefterreichisch-ungarische Lantoren-Zeitung. -Leite 7. in den Bann gethan wurde, zum Christenthum über. Um bald nach empfangener Taufe beweisen zu können, dass er ein treuer, , würdiger Bekenner der Religion der Liebe fei,-war er ans allen! Kräften bestrebt und bemüht, seine früheren Glanbensbrüder aus 1 reiner edler Menschenliebe zn verfolgen und zu behelligen. Er; schrieb nämlich an Papst Gregor IX, dass der Talmud, der gleichsam das Lebenselement des geistigen Judenthums bildet, Schmähungen gegen das Christenthnm enthalte und die Worte der heil. Schrift verdrehe, daher man ihn eonfisciren möge. Der Papst schrieb in Folge dessen an die Kirchenfürsten von Frankreich, England und Spanien, man möge am ersten Sabbath der Fastenzeit sämmtliche Talmndexemplare eonfisciren und sie den Dominikanern und Franziskanern übergeben. Ebenso forderte er die Könige dieser Länder auf, den Geistlichen die diesbezügliche Unterstützung nicht versagen zn nwllen. Nirgends ist mau dem Verlangen des Papstes bereitwilliger entgegengekommen, als in Frankreich, wo eben der schwachsinnige bigotte Ludwig H. regierte. Hier wurde der Talmud von einem Ceusoren-Tribnnal zum Fenertode vernrtheilt. Bevor jedoch das Urtheil vollzogen wurde, gelang es den Juden, einen Bischof, der sich der Gunst des Königs in besonders hohem Maaße zn erfreuen hatte, für ihre Sache zu gewinnen, und in Folge seiner Intervention beim König wurde das Urtheil cassirt und der Auftrag ertheilt, die bereits eonfiscirten Talmudexemplare den Eigenchümern wieder zurück zu stellen. Die französischen Inden jubelten und frohlockten ob des errungenen glänzenden Sieges und feierten den Tag, an welchem der Talmud vom Feuertode gerettet wurde, auf die solennste Weise. Allein diese Freude wurde ihnen bald verbittert. Jener Bischof, der es beim Könige durchgesetzt, dass das von dem Censoren-Tribünale über den Talmud gefällte Todesurtheil cassirt werde, starb zufällig eines plötzlichen Todes in Gegenwart des Königs. Dieses Ereignis benutzten die Indenfeinde dazu, um den schwachköpfigen, unselbständigen, äußern Einstüsternngen leicht zugänglichen König umzustimmen, indem sie Vorgaben, dass der plötzliche Tod jenes Bischofs als eine göttliche Strafe betrachtet werden müsse, weil er sich durch seine Verwendung für den Talmud schwer versündigt hätte. Der König sah sich in Folge dessen veranlasst, eine neue Commission zu ernennen und veranstaltete eine Disputation zwischen dem Llpostateu Nikolaus und den französischen Rabbinen: R Jechiel aus Paris, R. Moses aus Couch, R. Jehuda b. David aus Melun und R. Samuel b. Salomo ans Chateau-Thierry. R. Jechiel,. der sich durch seine oratorische Begabung vortheilhaft ausgezeichnet, wurde von seinen drei College» zum Sprecher ernannt. Die Disputation fand am 24. Juni 1240 am königlichen Hofe in Gegenwart der Königin-Mutter Blanche statt. R. Jechiel vertheidigte trefflich den Talmud und suchte all die von Nikolaus vorgebrachten Allklagepunkte durch entsprechende Belege zu entkräften und nachzuweisen, dass Nikolaus nur aus Rache gegen seine früheren Glaubensgenossen, die ihn verachten, es unternommen habe, den Talmud, den die Juden Hochhalten und verehren, zu verdächtigen und durch lügenhafte Verleumdungen zn miscreditiren. Hätte der Talmud das Christenthum und dessen Stifter gelästert und geschmäht, wie Nicolaus vorgibt, so würde der Kirchenvater Hieronymus und andere Kirchenlehrer, die den Talmud :kannten, es - gewiss nicht verschwiegen haben. Trotz dieser Vertheidigung wurde der Talmud von der Censorencommission zum Feuertode vernrtheilt. Vollzogen jedoch wurde das Urtheil erst im Juni 1244. Vierundzwanzig Wagen voll, von Talmudexemplaren und ähnlichen Schriften wurden an einem Freitage im Monate Tamus des erwähnten Jahres ans einem Platze in Paris verbrannt. Diese schauerliche Act gab dem berühmten Gelehrten R. Meir Rothenburg Veranlassung zur Abfassung eines tief ergreifenden Klageliedes ״Schaali senifa1־, das heute noch am 9. Ab in Israels Gotteshäusern angestimmt wird. _ (Fortsetzung folgt.) Kleine Chronik. Siklos. Das Leichenbegängnis unseres seligen Bezirks- Rabbiner Aron Roth hat Samstag, den 7. d. M. unter sehr großer Betheiligung stattgefunden. Von Nah und Fern waren Deputationen erschienen, so von der Esseger Gemeinde eine 10-gliedrige Deptuation mit dem Gemeindepräies Dr. Spitzer und dem Oberrabbiner Dr. Kaminka, eine 10-gliedrige Deputation der Gemeinde Fünfkirchen mit dem Rabbiner Dr. Perls, eine Deputation der Gemeinde Mohacs mit dem Präses und dem Rabbiner Dr. Flesch, Deputationen der Gemeinde Vilany, Harkany, Darda, Szigetvar, Magoes, Dombovar mit Rabbiner Dr. Klein etc. Um 11 Uhr Vormittags wurde die Leiche im schwarzdrapirteu Tempel ausgebahrt und vier alte, angesehene Gemeindemitglieder hielten die Todtenwache. Um 2 Uhr Nachmittags begann der Trauergottesdienst, der mit der Aufführung des Adonoj moh odom mit Chor und Orgelbegleitung eingeleitet wurde. Der gut geschulte Chor unseres Obercantors Zlocsenko war verstärkt durch das Fünfkirchen er Chorpersonal, und unter Leitung des bekannten Regenschori Isidor Goldstein war die Aufführung der Piece eine äußerst gelungene. Nach der glänzenden Trauerrede des Oberrabbiner Dr. Perls recitirte Obercantor Zlocsenko das Dl mole rachamim unter tiefem Eindrücke aus die Zuhörer. Dann wurde der Sarg in den Tempelhof getragen, wo Rabbiner Dr. Flesch ans Mohacs einen Nachruf hielt und Vorsteher Dr. Kohn mit tiefempfundenen Worten im Namen der Gemeinde von dem verblichenen Seelsorger Abschied nahm. Auch Schuldirektor Klingenberg aus Fünskirchen sprach namens des ungarischen Lehrerverbandes warme Abschiedsworte. Als der Leichenzng sich nach dem Fried- Hofe in Bewegung setzte, läuteten sämmtliche Kirchenglocken. Voran schritten die Schuljugend, der Cantor mit dem Chor und die Rabbiner. Zu beiden Seiten des Leichenwagens schritten 50 Männer mit Schleifen und Fackeln, und hinter dem Wagen folgten die Familienangehörigen, der Stadthauptmann mit den übrigen Vertretern der Stadtdehörde, die Deputationen und ein nach Hunderten zählender Trauerconduct. Zu beiden Seiten des Weges bildeten Feuerwehrmänner Spalier. Auf dem Friedhofe wurde ״Schiwissi“ gesungen, und Rabbiner Dr. Klein und der Magocser Rabbiner hielten wirksame und ergreifende Trauerreden. Um das gelungene Arrangement haben sich die Präsidenten der.Gemeinde und der Chewra-Kadischa, Herr M. Weiß und Herr M. Kürschner verdient gemacht. Am 5. December findet ein Requiem statt, wobei über Einladung des Vorstandes Oberrabbiner Dr. Kaminka die Trauerrede halten wird. Litteratur. 40 Trauungsrrden» gehalten von Dr. N. Brüll, s. A. Rabbiner der israelitischen Gemeinde in Frankfurt a. M. Aus seinem Nachlasse herausgegeben. Verlag von F. Kaufmann. — Die schöne, zu Herzen gehende Sprache, die knappe Form und der geistvolle Inhalt werden diesen Trauungsreden viele Freunde erwerben, namentlich werden sie für diejenigen von hohem Interesse sein, welche den allzufrüh verstorbenen Verfasser Litteraten von tiefer, umfassender Gelehrsamkeit bewundern gelernt haben. Wir sind jedenfalls dem Herausgeber für die pietätvolle Herausgabe dieses Merkchens schon deswegen dankbar, weil wir überzeugt sind, dass gar mancher dadurch eben sich veranlasst fühlen wird, auch dem Gelehrten N. Brüll fein Interesse zuzuwendeu. Rabbiner Dr. Kahan. Wir ersuchen höstichst um Einsendung der restlichen Abonnernentsbeträge. Die Ad mini Ar uß run.