Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 17 (1897)
- Issue
- Heft 27 (11.11.1897)
- Date
- 1897-11-11
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/1304829-3453397-3453424--4955-3459472- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 27. Gesterreichisch-ungarische Lantoren-Ieitung. Seite 7. eines zahlreichen, distinguirten Publikums statt. Man bemerkte die Cultusvorsteher Bicepräses Dr. Gustav Kohn, Architekt Fleischer, Dr. Berger, eine Deputation des Gewerbevereines unter. Führung des Präsidenten S. Brod, Obercantor Bauer, Cantor Fleck re. Den Traunngsact vollzogen Oberrabbiuer Dr. Güdemann und Obercantor Singer. Wien. Samstag, den 13. November, 1/2$ Uhr Abends findet׳ im Restanrant Khnner eine Vereiusversammlung der öfterreichisch-israelitischeu Union statt. — Tagesordnung: 1. Vortrag Sr. Ehrwürden des Herrn Oberrabiuuers Dr. Güdemann: ״Ucber die inneren Ursachen der Blüthe und des Verfalls in der Geschichte der Inden." 2. Mittheilnngen des Vorstandes. 3. Stellungnahme zum Anträge des Vicebürgermeisters Dr. Neumeyer, betreffend die Ernennung von Richtern jüdischer Confession. 4. Anträge und Interpellationen. — Knapp war Schluss des Blattes erhalten wir aus Siklos die Nachricht, dass der Herr Bezirksrabbiner Aron Roth, ein treuer Mitarbeiter dieses Blattes, daselbst im.76. Lebensjahre gestorben ist. Indem wir uns eine eingehende Schilderung des Lebens und Wirkeiis des Verblichenen Vorbehalten, wollen wir heute nur-unserer Trauer über das Hinscheiden dieses edlen Mannes, der sich jederzeit als warmer und aufrichtiger Freund des Cäntorenstandes bekundet hat, Ausdruck leihen. Die bekannte Firma Bernhards Steinhardt, Wien I., Rabcnplatz 3, erhielt von mehreren Cultusvorständen, Rabbinern und Cantoren für die besonders feine und geschmackvolle Anfertigung von verschiedenen Synagogen-Ornaten Anerkennungs- Zuschriften. Bndiveis. Unser hier sehr beliebter Obercantor Speiser hat vor einigen Tagen den Unterthaneueid als österreichischer Staatsbürger abgelegt. Die Erlangung der Staatsbürgerschaft hat er den Bemühungen der hiesigen Cultusgemeinde zu danken, die auch sammtliche Kosten trug. Dieser erfreuliche Fall sollte anderen Gemeinden zur Nachahmung dienen. Berlin. 3. November. Herr Doctor Rosenthal in Breslau hat die auf ihn gefallene Wahl zum Rabbiner unserer Gemeinde abgelchnt. König!׳ borg i. P., 25. October. Wegen Vergehens gegen die Religion,׳ und zwar gegendie jüdische, wurde gestern von der hiesigen Strafkammer der Zimmergcselle Julius. Neumann zu drei Tagen Gefängnis verurtheilt. Er hatte im Sommer d. I. in der Synagoge Zimmerarbeiten ausgesiihrt. Da diese sehr mühsam: waren, ärgerte er sich und machte seinem Groll, als er das Gotteshaus verließ, in sehr unwürdiger Weise Luft; er rief nämlich den bereits zur Andacht Versammelten mit lauter Stimme eine Lästerung zu. Das Gericht belehrte ihn heute darüber, dass der § 166 des Reichsstrafgesetzbuches auch den Israeliten Schutz gewährt. י־ '. י Heimweh. Eine sibirische Skizze. . *.״•; , Aus dem Polnischen von B. M. SegeU Mitgethcilt von Rev. Osias Hochglück.in New-Aork. (Schluss). : ״Nu, sagen Sie mir, gibt es Mt bei uns .... Aber sehen. Sie,, ich weiß nicht mehr, wie es heißt,׳ .ich habe schon stölnisch vergessen," entschuldigte:er sich wie beschämt, als ob er es je gekonnt hätte. ״Es ist so weiß, gleich wie Erbsen, aber doch keine Erbsen, im Sommer:wächst es bei den Häusern in den Gärten an großen Stangen.. . .. ," ' . \ , ״Bohnen?" a . .... ״Ja, ja, eben das, Bohnen, Bohnen!" wiederholte er mehrmals, wie wenn er sich das Wort für immer einprägen wollte. ״Natürlich gibt es Bohnen, und zwar viel. Gibt es denn hier keine Bohnen?" / H ״Hier? Drei Jahre langi habe. ich kein Körnchen gesehen; hier gibt es Erbsen, wie sie bei uns nur, mit Respekt zu melden, die. die . . . ." ״Schweine fressen," ergänzte ich. ״Nu ja! Hier wird's auf dem Wege verkauft, und doch ist es schwer zu bekommen." ״Isst Du so gern Bohnen?״ ״Das weniger, aber ich denke oftmals darüber nach, denn es ist so schön, wenn es wie ein Wäldchen um das Haus herum wächst. Hier gibt es nichts davon . . . Und nun," begann er nach einer Weile, ״nun sagen Sie mir noch, ob es bei uns noch jene kleinen .... ganz kleinen" — hier zeigte er mit dem Finger ״ —יVögelchen, graue Vögelchen gibt, ich habe schon wieder vergessen, wie sie heißen. Früher gab's ihrer viele. Zuweilen, wenn ich betend am Fenster stand, versammelten sich ganze Haufen dieser kleinen Geschöpfe. Na, wer wird auf die kleinen Dinger schauen? Wissen Sie, Herr, ich hatte niemals geglaubt, dass ich daran denken würde. Denn hier, hier fliegen sogar die Krähen inr Winter davon, und vollends jene winzigen Wesen, die köunten's schon gar nicht aushalten, aber bei uns sind sie gewiss da. Nu, Herr, sind sie da?" Jetzt aber antwortete ich nicht mehr. Ich zweifelte keinen Augenblick, dass dieser alte Jude, dieser fanatische Ch as sid, eb enso Heimweh hatte, wie ich, dass wir Beid e a 11 derselbeu Kran kheit li tten. Dieses unerwartete Finden eines Leidensgenossen ergriff m i ch t i e f. ich erfasste seine b e i d e n H ä n d e und nun war die Reihe au mir, ihn auszufragen: ״Also davon wolltest Du mit mir sprechen? Also Du denkst weder an die Menschen, noch an Dein eigenes, beweinenswerthes Loos, an das Elend, das Dich bedrückt, sondern Du sehnst Dich nach der Sonne, der Luft, der heimatlichen Erde.Du denkst an die Felder, die Wiesen und die Wälder, an deren Bewohner, die Du in Deinem armseligen Leben nicht einmal rechtkennen zu leriten Gelegenheit hattest — und heute, da die theuren Bilder aus Deinem Gedächtuiße zu verschwinden beginnen, fürchtest Du die Leere, die Dich umlagern, die tiefe Verwaisung, die Dich treffen würde, wenn die theuren Erinnerungen verblassen? Du willst also, dass'ich dich auffrische, belebe? Du willst, dass ich Dir erzähle, wie unsere heimathliche Erde aussieht?" . . . . ״Ja, ja,. Herr, ja, Herr, ja! Das war der Z w e ck m e i n e s Kommens," und er drückte meine Hände und lachte fast wie ein Kind. ״Höre also, Bruder!" .... Und Srul horchte mit weitgeöffnetem Munde, das Auge unverwandt auf mich geheftet. Sein Blick brannte und erwärmte mich, riss mir das Wort von den Lippen, das mein Hörer gierig verschlang und Lief. in den Grund seines gelähmten Herzens legte. Daran zweifelte ich nicht, denn als ich geendigt, ächzte der Jude: ״Oj. Weh mir! Oj, weh mir!" sein Bart erzitterte und große Thränen rannen ihm über das verkümmerte Gesicht. Und noch lange schluchzte der alte Ehassid und ich weinte mit ihm. * * Viel Wasser ist seitdem in der kälten Lena dahingefloffen, und viele Thränen sind über die Wangen der Leidenden geronnen. Aber heute noch, obgleich viele Jahre vergangen sind, in der Stille schlafloser Nächte, taucht vor meiner Phantasie das vergilbte, gefurchte, thränenbeseuchtete Antlitz Sruls auf. Und wenn ich dieses Phantom länger sesthalte, dann glaube ich zu sehen, wie die zitternden und bleichen Lippen des Juden sich bewegen, und eine leise, verzweifelte Stimme scheint neben mir zu lispeln: ״OGott, warum strafstDu so hart einen 'Deiner treuesten Söhne?!" Meinen lieben College!* empfehle ich als Nebenverdienst lahrzeitblätter ä 80 kr. :franco. Drucksorten zu fabelhaft billigen Preisen Kautschukstempel, Messingstempel, Stahlstempel etc. billigst zum Wiederverkauf. Adolf Türk, Ob er-Cantor, Mähr. Ostrau. Besitzer der Petrzkowitzer Buch- und I Steindruckerei..: :