Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 17 (1897)
- Issue
- Heft 25 (22.10.1897)
- Date
- 1897-10-22
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
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Gesterreichisch-ungarische Cantoren^eitung. sJcv. 25. e?eite 7. Nelv-Hork. Auf Ersuchen der Gemeinde ״B'nai Jacob" aus Süd-Brooklyn erließ gestern Richter Garretson in der Supreme Court einen Einhaltsbefehl, welcher Joseph Levy, Harris Jacobs, M. Schirk, Max Schermski, Joseph und Jacob Goldmanu, Israel Roseblatt und Samuel Meister untersagte, den Gottesdienst in der Halle No.161 ״ zweiundzwanzigste Str. zu stören. Die genannten Beklagten waren früher Beamte der Gemeinde, wurden jedoch am 5. August ausgestoßen und durch andere Mitglieder ersetzt. Am jüdischen Nenjahrstage sollen dieselben den Gottesdienst gestört und den Vorbeter und Cantor Eli Marcus mit dem Tode bedroht haben. Auch das Leben des Sekretärs Bernhard Liebowitz steht angeblich in Gefahr, denn M. Schirk soll erklärt haben, dass er ihn bei der ersten besten Gelegenheit ümbringen )volle, und wenn er auch dafür sechs Jahre ״ausgerechnet" sitzen müsse._ Heimweh. Eine sibirische Skizze. Aus dem Polnischen von B. M. Secjel. Mitgetheilt von Nev. Osias Hoch glück in New-d)ork. II. Der Jude war darüber sichtlich erfreut und bald saß er neben mir. so dass ich ihn genau betrachten konnte. Alle Eigenthümlichkeiten eines ordinären Gesichts schienen sich in den Zügen meines Gegenübers vereint zu haben. Eine dicke keulenförmige Nase, die etwas gekrümmt war, durchdringende Habichtsäugen und ein keilförmiger Bart von der Farbe der reifen Gurke, endlich eine niedrige, von dicken Haaren umgebene Stirn -----"alles "das besaß mein Gast, doch merkwürdig, .in seiner Gesammtheit machte das Gesicht keinen schlechten Eindruck, vielleicht. weil es. durch einen Ausdruck des Leidens und einer gewlffen''lreuhserMmDsfeiiheik'verschönt war. - ״Sage mir also, woher Du bist, wie Du heißt und was Du hier treibst? Was willst Du von mir erfahren?" ״,Ich bin, gnädiger Herr, Srul (Israel) aus Lubartow — vielleicht wissen׳ Sie, bei Lublin, gar nicht weit davon. Nu, bei uns meinen Alle,׳ dass es sehr weit ist, früher meinte ich es auch, jetzt aber" — sagte er mit Nachdruck — ״jetzt wissen wir, dass von Lubartow nach Lublin sehr nahe ist, ganz nahe." 'i: ,-Bist Du schon lange hier?" ״O, sehr lange, beinahe drei Jahre." ״Aber, das ist ja noch gar nicht lange; es giebt welche, die schon zwanzig Jahre hier wohnen. Unterwegs bin ich einem Greise ans Wilna begegnet, der fast fünfzig Jahre hier lebt; das nenn' ich erst lange!" - . ' ״Gewiss bist Dü allein, da Dir die Zeit so lange wird?" ״flkein; mit Weib und Kind — einer Tochter. Ich hatte vier Kinder, als ich hierher gieng, aber das ist eine Reise, dass sich Gott erbarm'! . . . Wir giengen ein ganzes Jahr. Wissen Sie, was das heißt:׳ Etappen? -Drei Kinder starben mir auf einmal, . binnen einer Woche, das heißt ja so vwl, wie auf einmal. Drei' Kinder! Eine Kleinigkeit! .... Drei Kinder! Ich 'wüsste nicht einmal, wo sie begraben, denn dort gibt's ja keinen Friedhof. Ich bin ja ein Chassid, Sie wissen wohl, was das'heißt. . . Ich beobachte streng das Gesetz.... und Gott straft mich so hart!" .... - schwieg er gerührt.;,Mein Lieber, in einer solchen Lage kann man das nicht beachten-;׳ übrigens' ist ja .Alles eins, es ist Gottes Erde überall" seufzte ich, ihn, so gut es gieng, zu trösten. ׳ ';,Gottes Erde," 'schrie׳ er auf, ״was Gottes, wer Gottes, was sagen Sie da?! Pfui pfui! Sagen Sie das nicht, es'ist eine Sünde! Eine Hundeerde ist das! Gottes Erde, die niemals aufthant! Das ist eine verfluchte Erde! Gott will nicht, dass Menschen hier wohnen׳; wenn er es wollte, wäre sie nicht so. Verflucht ist sie, niederträchtig diese Erde! Pfui! Pfui!" ' Und er'Legümsiüm Pch- Kr speien und mit den Füßen zu stampfen; mit zusammengetnissenen Lippen und geballten Fäusten! dachte er der unschuldigen jakutischen Erde, lispelte Flüche, bis ׳ er, erschöpft von der ÄüfMnngj in einen Stuhl neben mir ׳ niebersank. - Alle Verschickten, ohne Unterschied der Religion und der Nationalität, hassen Sibirien, aber dieser fanatische Chassid kannte offenbar keinen halben Hass. Ich wartete, bis er sich besänstigte. Der in einer harten Lebensschule erzogene Jude kam bald zu sich, bemeisterte seine Aufregung, und als ich ihm nach einer Weile fragend in die Augen blickte, antwortete er mir gleich: ״Verzeihen Sie, Herr, aber ich rede hier mit Niemandem davon, denn mit wem sollte ich reden?" ״Giebt es denn hier keine Juden?" ״Juden? Was sind das für Juden, Herr?! Niemand hütet das Gesetz." — Ich befürchtete einen neuen Ausbruch seines Unwillens und ließ ihn daher nicht zu Ende reden, sondern fragte ihn, um das Gespräch los zu werden, rund heraus, worüber er mit mir sprechen wollte. ״Ich möchte erfahren, was mau dort hört, Herr! Ich bin hier so viele Jahre und weiß nicht, was dort vorgeht." ״Du fragst etwas sonderbar! Ich kann Dir doch nicht Alles auf einmal erzählen. Ich weiß nicht, was Dich interessirt. Vielleicht die Politik?" Der Jude schwieg. Da ich glaubte, dass mein Gast, wie so viele andere, sich für Politik interessirte; ohne dieses Wort zu kennen, begann ich die bei mir durch nviederholtes Erzählen stereotyp gewordene Geschichte von der Lage Europas und der mperigeu. Aber der Jude war ungeduldig. - ״Also das ist es nicht, was dich interessirt?" fragte ich. ״Ich habe niemals an diese Dinge gedacht," war die offenherzige Antwort. - ' ־••..■־ ״Nun weiß ich, worauf es Dir ankommt. Du willst gewiss erfahren, wie es den Juden ergeht, wie der Handel . . ." ״Ihnen geht es besser, als mir!" ״Ganz richtig! Dann willst Du wohl wissen, ob das Leben bei uns jetzt theuer ist, welche Preise auf den Märkten gezahlt werden, was Fleisch, Mehl und dergleichen Dinge kosten?" ״Was nützt mir das? Hier kann ich mir doch nichts kaufen, wenn esauch noch so billig wäre." ״Aber, was zum Teufel, willst Du sonst von mir?" ״Ja sehen Sie, gnädiger Herr, ich weiß selber nicht, wie ich das sagen sott. Sehen Sie, zuweilen denke ich so und denke, dass Rifka, mein Weib, zu mir sagt: Srul, was ist Dir? Was soll ich ihr sagen, da ich selber nicht weiß, was mir ist. Die Leute würden mich vielleicht gar auslachen," fügte er hinzu, gleichsam forschend, ob ich nicht auch lachen würde. Ich aber lachte nicht. ׳Ich war neugierig, denn offenbar bedrückte ihn etwas, wovon er sich keine Rechenschaft geben und was er tit der ihm nicht ganz geläufigen Sprache schwer ausdrücken könnte, klm ihm zil Hülfe zu kommen. beruhigte ich ihn, dass es keine Eile hätte, dass meine Arbeit keine dringende wäre und dass wir ein Stündchen miteinander plaudern könnten. Der Jude dankte mir mit einem Blick, der mir an's Herz griff, und nach kurzem Besinnen begann er folgendermaßen: ״Wann sind Sie aus Warschau abgereist?" ״Nach dem russischen Kalender gegen Ende April."- ״War es damals kalt oder warm?" ״Ganz warm; anfangs fuhr ich im Sommeranzug." ״Nun sehen Sie, und hier ist Frost!" ״Was ist Dir. Jude? Hast du schon vergessen, dass im Zlpril bei uns bereits die Felder besät sind und alle Bäume grünen? ״Grünen!" Sruls Augen strahlten vor Freude. ״So, grünen? Und hier ist Frost." ״Nun wusste ich, was er wollte; aber um mich zu vergewissern, schwieg ich. Der Jude belebte sich offenbar:" (Schluss folgt.) Dankftrgnng. Für die mir in schwerer Stunde aus dem Kreise meiner hochverehrten Wemeinde, sowie, von werthen Freunden und College!! übermittelten Beileidskundgebungen statte ich aufdießm Wege tiefgefühlten Dank ad. , . Oöerrantor Josef Singer» Wien.