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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1897-08-13 · Heft 20 (13.8.1897) · p. Seite 5

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
17 (1897)
Issue
Heft 20 (13.8.1897)
Date
1897-08-13
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Vsstökreichisch-üngarische Lantoren-Aeitung. Seile 20. wie in Prossnitz.die der Organist öfters richten muß, schon' vom רמ״א nicht zu den gewöhnlichen Erscheinungen gezählt wurde! r V Zum Schlüsse sei noch bemerkt, dass mir die ״bekannte" Thatsache, dass im Bett hamikdosch die ״Orgel" nur zü ^ק׳ שבו gespielt wurde, bis jetzt unbekannt war. Die Leviten stimmten ihre Lieder mit Instrumentalbegleitung an bei' der Darbringung der Opfer, welche ״bekanntlich" selbst am Sabbat — korribils dictu— dargebracht wurden. Rabbiner Dr. K a Han. Momenllnldrr aus Karlsbad. Von Rosa Stransky, Mit gesenktem Blick, als ob er was Unrechtes verübt hätte, geht dort ein Mann in der vierreihigen Colonne beim Mühlbrunnen. Der breite Menschenstrom, in dem er hier unbeachtet zu bleiben hofft, tröstet und beruhigt ihn. Doch sein vermeintliches Unrecht besteht in nichts Anderem als, dass er eben auch hiehergekommen, um sein schmerzvolles^ Leiden zu heilen. Aber daheim in seiner kleinen Gemeinde schützte er vor. dass er wegen wichtiger Familienangelegenheiten in die ferne Heimat müsse, und so wurde ihm nach löjähriger ununterbrochener Dienstzeit ein Zwöchentlicher Urlaub bewilligt. Warum der Cantor die Wahrheit verheimlichte? Weil er seine Leute kannte. Der Bosok kakokol und seine Garde hätten gesagt: ״Es geht ihm zu gut bei uns. Was unsereiner sich nicht gönnh das muß er haben. Karlsbad! Warum nicht gar? Für unser Geld!" Und Einer hätte zur Abwechslung dazwischen gerufen: ״Ein kranker Mensch ist er! Schauen wir, dass wir ihn bei Zeiten loswerden!" Ja so sieht es noch immer in der großen Mehrzahl der Gemeinden aus! Der Angestellte soll nur stetsseine Kräfte und Fähigkeiten dem Amte und den Pflichten widmen,! aber für sich selbst darf er keine Pflichten und Bedürfniße haben. Der menschliche Organismus richtet sich aber nicht immer nach den rohen, inhumanen, egoistischen Ansichten Anderer. Dieser Mann musste also heimlich die Quellen aufsuchen, welche die Vorsehung hier in so reichem Maße für die vielfachen Gebrechen des menschlichen Körpers aus dem Gestein und Boden sprudeln lässt. Möchten doch diese Heilwässer auch die verhärteten Herzen, die inhumanen Ansichten, den Eigendünkel und den Meuschenhass wegspülen! Dort streift im Gedränge ein polnischer, sehr befect aussehender Jude einen nach englischer Fayon gekleideten Herrn, und dieser wirft einen bösen, verächtlichen Blick auf jenen, während er liebkosend seinen Rockärmel streichelt. Der Kaftanträger ist gottlob mit stoischer Ruhe ausgestattet und bemerkt nichts. Der imitirte Engländer hat es schon vergessen, dass auch sein Großvater so einhergeht, der einst durch bieneuhaften Fleiß und vielfache Entsagungen Reichthum gesammelt, mit dem er dann seine einzige Tochter verheiratete. Diese zog mit ihrem Männe bald darauf nach Deutschland, später nach Amerika, und nun ist sie seit langem schon für den polnischen Vater verschollen. Allein und freudlos folgt dieser dem Beispiele seiner Landsleute, die in großen Massen alljährlich hieher pilgern, um zu repariren, was durch widrige Zustände und üble Landessitten an ihrer Gesundheit arg verdorben ist. Sie legen auch hier keinen besonderen Werth auf Rath und Anordnung der Aerzte, kümmern sich nicht um Geschmack und Ansicht Anderer und bleiben sich selbst treu in Kleidung, Unsitten und üblen Gewöhnheiten. Vereinsamt fühlen sie sich hier nicht,, denn ihr Zusammengehörigkeitsgefühl macht sich überall sehr bemerkbar, auch in ihren Massenquartieren. Ebenso legen sie ihrer Sprechart keinen Zwang auf. Die Frauen huldigen sehr der Schleppe, die sie unter großen Staubwolken hinter sich herziehen, besonders, wenn ihre Hände voll sind mit den Einkäufen siir den täglichen Tisch, da sie die Speisen selbst zubereiten. Ob streng curgemäß, ist sehr zweifelhaft. '. .! . ...... . Dort schleicht auf den Schirm' gestützt, ׳ eine einfach gekleidete Frau : einher. Scharfe Linien, sind׳ auf ihrer Stirne' erngegraben und welk undfarblos ist ihr Antlitz. Sie sucht, stets seitwärts ihren Weg, als ob sie nicht -hinein dürfte in den. sie umwogenden Menschenstrom. Ist es ihr doch, als ob die Vorsehung selbst sie bei Seite geschoben hätte, wo kein. Sonnenstrahl des Glückes leuchtet, wo keine Blume der Freude mehr wächst. Ein schmerzliches Zucken huscht über ihr trauriges Antlitz beim Anblicke der sorglos heitern und geputzten Frauen, die in Gesellschaft oder mit den Gatten einhergehen. Auch sie hat vor Jahren, voll Zuversicht und Freude, ausgerüstet mit allen weiblichen Tugenden und einer anständigen Mitgift Len Weg der Ehe betreten und nun steht sie einsam du auf dem dornigen Lebens--- Wege und soll ihre zerrüttete Gesundheit anfrichten an den heilenden Wässern. So wollte es eine hochherzige Dame, der das Schicksal der Unglücklichen nahe gieng. Doch eine verlassene Frau, eine Frau, deren Gatte sich abwendet,, wenn alles geschwunden, was ihm früher begehrlich erschien, fürwahr, das ist eine Unglückliche, für die hier kein Quell sprudelt! Doch angesichts dieser göttlichen Wunder, wo das Heil in so vielfachen Wärmegraden aus der dunklen Erde emporsprüdelt, zieht auch ein neuer Hoffnungsstrahl in das Herz der Armen, Einsamen. Wie diese Wässer aus dem Erdreiche, so kann ja auch der Allmächtige gute Gedanken, gute Vorsätze aus der Tiefe des Menschenherzens hervorquellen lassen, und der der Thorheit Verfallene kehrt dann wieder ans den rechten Weg zurück, wo sich die zusammen finden, die zusammen gehören. Sie richtet sich bei diesem Gedanken auf und schreitet mit rascherem Schritt in die Reihe, um ihren Becher füllen zu lassen, und ehe sie ihn an die Lippen führt, lispelt sie: ״Kanss jesckuaus esso trw’schem. adonoj ekro!" In der Parkstraße, woselbst der monumentale Prachttempel steht, ist am Freitag-Abend und Samstag-Vormittag starker Menschenandrang, denn mit magischer Kraft zieht es jeden in dieses Gotteshaus, selbst wenn er nicht dem jüdischen Glauben angehört. Auch die sogenannten Freidenker, welche sonst sagen, dass sie keines Tempels bedürfen, weil das Gefühl der Andacht und das Verlangen nach Erbauung nicht an einen bestimmten Ort und eine festgesetzte Zeit gebunden sei, wie pünktlich erscheinen sie wieder, wenn sie einmal in diesem Gotteshause gewesen! Nicht der Umstand, dass der Curgast Zeit hat. trägt dazu bei, sondern das ganze Ensemble: Tempel, Chor, Qrgel, Obereantor und Rabbiner. Die innere Einrichtung ruft den besten Eindruck hervor. Der freiwillige, aus den besten.Kreisen rekrutirte Chor beweist, wie ernst es die Damen und jungen Mädchen, ebenso auch die Herren und Knaben mit der Ausübung dieser gerne übernommenen Pflicht nehmen. Das fleißige Proben und Studiren macht den. edlen Sängern alle Ehre. Ein! wackerer Dirigent beherrscht oben die Schaar bei der Orgel, während unten vor dem Omed Herr Obereantor Tiger allein steht und mit seiner wunderbaren Stimme seinen Theil absolvirt. Lautlose Stille und Ruhe herrscht im großen Raume. Alles wird von wahrer Andacht umfangen und überwältigt, man lauscht und betet in seinem Innersten mit bis zum Schlüsse und bleibt, bis der letzte Accord der Orgel verklungen. Beim Hinaustreten ins Freie wird man erst gewcchr, dass alle Stände, selbst Geistliche und hohe Militärs, wie auch alle Nationalitäten, Amerikaner, Franzosen, Russen, Deutsche, Böhmen, Ungarn und Polen hier Erbauung gesucht und gefunden haben. Einige Schritte seitwärts vom Tempel stehen die Wägen, welche von zahlreichen, den Tempel verlassenden Aristokraten bestiegen werden. Jeden zweiten Samstag ist Predigt, und Herr Rabbiner Dr. Ziegler erfüllt auch sein Amt in hervorragender Weise. Es ist nicht leicht, eine Zuhörerschaft, die sich aus allen möglichen Qualitäten des Geistes und Geschmackes, der Anschauung und Denkart recrutirt, zu befriedigen. Aber Dr. Ziegler bringt dies doch zu Stande. Er ist nichts weniger als Zelote oder Frömmler^ vielmehr ein Reformator, aber durch ihn erleidet das Judenthum keinen Abbruch; denn er predigt mit sympathischer, hinreißender und überzeugender Beredtsamkeit gerade denen ins Herz hinein, die am liebsten einer strengen, richterlichen Predigt ans dem Weg« gehen, weil sie sich getroffen fühlen. So sagte er in einer seiner letzten Predigten: ״Keiner richte über den Andern in religiösen

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