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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1897-06-15 · Heft 16 (15.6.1897) · page 1

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
17 (1897)
Issue
Heft 16 (15.6.1897)
Date
1897-06-15
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Wem schneidet der trübe Gedanke an existenzlose Kinder nicht tief in Herz und Gemüth, und wer hätte es daher auch nicht mitempfunden, welche verhängnisvollen Consequenzen jener hatte, man könnte sagen, grausame Beschluss der Wiener Gemeindevertretung, der 19 armen jüdischen Kindern die Befreiung vom Schulgelde entzog und im Falle der Nichtzahlung die Entlassung aus der Schule decretirte, für jene 19 israelitischen Mittelschüler hätte haben müssen? Keiner unserer Glaubensgenossen, ja kein ehrlich denkender und menschlich fühlender Christ konnte die Härte und Ungerechtigkeit dieser Maßregel ohne tiefe Mitempfindung und Entrüstung vernehmen. Sollte ja 19 unschuldigen, braven, strebsamen, jüdischen Kindern der Weg zur Existenz abgeschnitten, das Element ihres Lebens entzogen werden! Hören wir einmal, was in einer jüngst in Wien abgehalteneu Protestversammlung Herr Dr. Alfred Kanitz in seiner gediegenen Rede u. A. darüber sagte: ״Als ich vor fünf Jahren das letzte Mal in Ihrer Mitte das Wort ergriff, da bat ich Sie, der drohenden Gefahr Ihr Augenmerk zuzuwenden, und als meine pessimistischen Anschauungen — heute von den Thatsachen weit überholt — bei Ihnen nur getheilte Aufnahme fanden, ja als ein Theil der Versammlung höhnend den Schluss meiner Ausführungen verlangte, da flehte ich-zu Ihnen mit den Worten: ״Meine Herren, wenn Sie schon für sich selbst den beginnenden Antisemitismus für weiter nicht gefährlich erachten, so denken Sie doch au Ihre unschuldigen Kinder, denen derselbe in einer ganz anderen, weit empfindlicheren, ja meiner festen Ueberzeugung nach, vernichtenden Form entgegentreten wird! Und heute, meine Herren, halten wir eine Proteftversammlung ab, erheben wir einen Schrei der Entrüstung gegen einen Mörderstreich wider die Existenz unserer Kinder! — Denn wenn auch in dieser-Versammlung vielleicht kein unglücklicher Vater ist, dessen Sohne durch, die Verweigerung der Schulgeldbefreiung für immer die Möglichkeit zur Gründung einer zukünftigen Existenz entrissen werden soll, wenn auch hier vielleicht keine Anverwandten jener abgehärmten Witwen sich befinden, deren Kindern man die Möglichkeit benehmen will, dereinst für ihre Mütter sorgen zu können, jener weinenden Witwen, die man dadurch in grausamster Weise des einzigen Lichtpunktes in ihrem entsagungsreichen Leben, der Hoffnung auf ein sorgenfreies Alter, berauben will, es sind doch unsere Kinder, denen der tödtliche Schlag versetzt wurde - es sind die Kinder der Armen, jener Armen, von denen unsere Lehre sagt, dass aus ihnen das Judenthum stets neu erstehen wird. Denn die Kinder der. Armen sind es, die zu allen Zeiten, in allen Ländern in immer neuem Kampfe für das Judenthum eingetreten sind, und die auch den uns in diesen Tagen aufgedrängten Kampf dereinst viel energischer und viel tapferer und, so Gott will! viel erfolgreicher durchkämpfen werden, als es unsere Reichen jemals mit aller ihrer Macht, mit allem ihrem Geiste und mit allem ihrem Gelde gethan haben". ״Einen Mordstreich wider die Existenz unserer Kinder" nennt sehr treffend Herr Dr. Kanitz den Beschluss der antisemitischen Wiener Gemeindevertretung. Und doch sind es nur neunzehn jüdische Kinder, gegen deren Existenz der M o r d st r e i ch geführt werden sollte! Wie verhältnismäßig gering ist aber bei all' ihrer Schwere diese Härte gegen jene Ungerechtigkeit und Grausamkeit. welche wider die Eristenz vieler, ja der meisten Kinder der israelitischen Cultusbeamten in den jüdischen Cultusgemeinden dadurch ausgeübt wird, dass von den meisten, man könnte schon sagen, von fast sämmtlichen Provinzgemeinden allen jenen Cultusbeamten (Rabbiner, Cantoren oder Lehrer) das Mitbewerbungsrecht um eine Stelle indirect entzogen wird, die mehrere Kinder besitzen oder das 40. bis 45. Lebensjahr überschritten haben! Denn da sind es nicht blos 19 Kinder, denen die Existenz mehr oder weniger abgeschnitten wird, in Böhmen allein muß man die Zahl dieser Unglücklichen auf circa 6—800 schätzen. Dabei ist aber noch zu erwägen, dass durch solch' harte Belchlüsie jüdischer Gemeinden auch noch die Väter und Mütter betroffen werden, denen der Lebensunterhalt einfach entzogen wird. Welch' eine Rechtsverletzung, welch' eine Verhöhnung von Religion und Moral involvirt ein solcher Vorgang? Und dennoch erhebt sich da keine Stimme in den Gemeinden gegen diese himmelschreiende, hundertfältig geübte und noch viel folgenschwerere Ungerechtigkeit!

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