Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 17 (1897)
- Issue
- Heft 14 (21.5.1897)
- Date
- 1897-05-21
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/1304829-3453397-3453411--4832-3459336- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Oesterreichisch-ungarische Redaction u. Administration Wien, 2. Novaragassc 27. U. k. österr. -Postsparcaffe Lheck-Lonto Nr. 635,240. Insrratr werden billigst berechnet. Dianuscripte werden, nicht retournirt. OvutkLl-OrgLü fiir dir Interessen der Cantoren und Luitnsbesmten. Erscheint jeden zehnten Tag. Begründer: Obercancor iaeod Lausr. Pränumerations-Preis FnrCantvre» tt.V»tt»»bea>nt« in Sesterreich-rlitgartt Ganzjährig.fl- 5.— Halbjährig.fl. 2.50 FnrCankvrenu.Cnlt»»beiNntr inr Ausland Ganzjährig.10 Vtrrk oder 5 Rubel. Fiir Private uni» Institute Ganzjährig . ... fl. 6.— Abonnementsu. Insertion»- betrüge stnb i» Wien zahlbar. Nr. 14. Wien, 21. Mai 1897. 17. Pädagogische Aphorismen. Aus dem Talmud und den Midraschim nebst Parallelstellen aus der Bibel und der Schrift moderner Pädagogik. Von Israel Singer, autor. Rabbiner, Religionsprofcssor am Obergymnasium zu S. A. Ujhely. (Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.) Von christlicher Seite geschah bis zur Gegenwart das Gegentheil, Jede gegen die Juden vertibte Brutalität galt oder gilt noch jetzt bei Manchen, die sich mit Unrecht Christen nennen, als ein gutes, christliches Werk, zur Ehre des Gottes, ad majorem dei gloriam. Gewiss ist dies nicht das Werk des wahren Christenthums des Neuen Testamentes, und darum sagt auch Dr. Fischer in seinem Buche, ״Stöcker's angeblich ethischsociale Judenfrage" aus Seite 55 Folgendes: ״So viel sie — die Christlich-Socialen oder Antisemiten — auch ableugnen wollen, der .Glaubensfanatismus, der blasse Neid, die niedrige Habsucht spielen alle ihre Rollen mit; aber der Grund und Boden ist die alte Barbarei, die einen Gegenstand sucht, gegen den sie ihre strotzende. Gewaltthätigkeit ausüben kann, und glaubt, diesen Gegenstand in dem ihnen unangenehmen Judenthum gefunden zu haben. Candolles hat ganz Recht: In Euch wühlt noch der finstere Geist der barbarischen Ahnen, die den friedlichen Kaufmann auf der Heerstraße überfielen und plünderten. O edle Barbarei, angeführt durch Junker und Prediger!". Zur weiteren Widerlegung des früher erwähnten Vorwurfes christlicher Pädagogen wegen einer angeblich engherzigen Erziehung .der jüdischen Kinder verweisen wir noch auf die bekannten jüdischen Philanthropen Sir Moses M o n t e f i o r e, der ein streng orthodoxer Jude war, und Baron Moriz Hirsch. Wir erinnern uns nicht, von einemGetreuen der ״Religion der allgemeinen Menschenliebe" gelesen oder gehört zu haben, der so viel Menschenliebe den Juden erwiesen hätte, wie die genannten Juden den Bekennern der׳ Religion der Liebe; auch die von dem citirten römischkatholischen Priester lobend hervorgehobenen confession slosem Stiftungen der Juden sind genügende Beweise, dass die Juden in thätiger Menschenliebe keinen Religionsunterschied machen, Allein , wir möchten im Interesseder Gerechtigkeit den edlen Stiftern zu-bedenken geben, dass ihren Intentionen besser gedient wäre, wenn sie den für die Stiftung bestimmten Betrag in zwei entsprechende Theile, für jede Confession separat, bestimmen würden. Der vor Kurzem in Wien vorgekommene, unglaubliche aber doch wahre Fall, dass man eine jüdische Stiftung einem jüdischen Studenten trotz der besten Empfehlung von Seiten des Professorenkörpers aus bloßem Antisemitismus verweigert hat, rechtfertigt diese höchst dringende Vorsichtsmaßregel. Das böse Beispiel wirkt ansteckend. Wir erinnern uns auch, gelesen zu haben, dass inBrody ein' sehr ansehnliches jüdisches Stipendium für Studenten.ohne Unterschied der Confession noch niemals an einen jüdischen Studenten gelangt ist. Ob dies deshakb"^^ geschah, weil natürlicher Weise stets mehr christliche Petenten sind als jüdische, oder nur aus antisemitischen Motiven, gilt gleich viel. Nach diesem Hinweise ist der Wunsch nicht unbillig, dass unsere christlichen Brüder bei ihren Stiftungen sich die jüdischen Wohlthäter zum Beispiel nehmen mögen. In der Errichtung humanitärer Institutionen herrsche unter den Getreuen der verschiedenen Religionen ein edler Wetteifer, und Jeder möge im Sinne seines Testamentes Wohlthaten ausüben! An dieser Stelle wollen wir auch den Grund angeben, warum wir in dieser für jüdische Eltern zum Zwecke einer guten Erziehung ihrer Kinder bestimmten, bescheidenen Sammlung Parallelstellen aus dem Neuen Testamente, resp. Citate aus einschlägigen Schriften christlicher Autoren anftihren. Zunächst hat unsere Jugend jetzt sehr oft in der Gesellschaft, besonders von ihren christlichen Mitschülern, zuweilen auch von eben nicht philosemitischen' Professoren Lobpreisungen über jdie Sittenlehre des Neuen Testamentes, im Gegensatz zu der niedrigen, angeblich exclusiven Sittenlehre im Alten Testamente, anzuhören, ohne etwas erwidern zu können, und dieser Umstand trägt dazu bei, ihr jüdisches, religiös-sittliches Gefühl, wie auch die nöthige Pietät gegen die Mutterreligion und die gebührende Achtung vor ihren Glaubensgenossen empfindlich zu verringern. Ja, auch die Eltern kommen, in übrigens würdiger christlicher Gesellschaft, zuweilen in eine solch" unangenehme Lage. Deshalb erachten wir es als Pflicht, in einer im Interesse der Erziehung von den Eltern gerne gelesene Schrift einschlägige Parallelstellen und Lehren mitzutheilen, damit sie über derlei Fragen ein richtiges Urtheil erhalten und nöthigenfalls dasselbe auch in geziemenden Worten