Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 17 (1897)
- Issue
- Heft 2 (11.1.1897)
- Date
- 1897-01-11
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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, 0e8terr81ci1isclt-ungari8G)1ft Redaetion u. Administration Wien, 2. Nobaragasse 27. A. k. Ssterr. Postsparcasse Lheck-Lonio Nr. 635,240.1 Inserate werden billigst, berechnet. Manuscripte werden nicht retournirt. für die Interessen der Cantoren und Lnltnsbeamten. Erscheint jeden zehnten Ta g. Begründer: Obercanlor isvok öau6r. Pränumerations-PreiS. - FürÄlNltvreiru.Enltnsbenmte i» steree i ch-Llnal,L,r Gnliziiihrig . . . fl. 5.— ij Salbjäürkg« . . . . . fl. 2.50 3iü1;<£>mi0tvn.11.<£ultu*bramte | im Bii0(aii& | Ganzjährig . . . . .10 M,rL 1 oder 5 Rudel. ...... I Für private >»nt» Snstttnr»! Ganzjähvia - ... fl. 8.— j!1 Rb1mu«uutltt*- 11. Inftitioiu■ I brtrKgch WM in HSJfen laftffranr. ■ ־-1׳.־ן ■..ז.■-: -...J Nr. 2. Wien, 11. Jänner 1897. 17. Jahrgang. Kunst oder Handwerk auf dem Gebiete -es -jüdischen Lantorate». Studie von-Obercantor Singer in Wien. II. Das synagogale Recitativ zerfällt in zwei Abtheilnugen, und zwar: 1. in das traditionelle, zu welchem außer dem fixierten Chasonus sich auch das ״Sagen" gesellt, und 2. in das moderne (deutsche) Recitativ. Die erstgenannte Gruppe (Chasonus, ..Sagen) erfuhrindiesen - Blätternschoneine wiederholte und eingehende Beachtung, so dass es nicht nöthig erscheint, bei der vorliegenden Arbeit noch einmal darauf einzugehen; wir wenden uns vielmehrihente ausschließlich der letzterwähnten Gruppe, dem modernen (deutschen) Recitativ zu. Ais Ausgangspunkt des neusyuagogalen Recitativs muß entschieden die Singweise der Miissaf-Keduscha eriicfjtet werden. Für alle übrigeu'Gebetsstellen diente je eine traditionelle Gesangsweise als Untergrund und durfte keineswegs willkürlich gesungen werden, nur die Mr88ab-E6du8oba galt als neutrales Gebiet, welches stets der Gestaltungsfähigkeit des Cautors anheimgestellt blieb. Für diesen Gebetstheil wurden noch bis in die Bierzigerfahre weltliche, zumeist Operngesänge, verwendet, und der Schreiber dieser Zeilen erinnert sich ans seiner Knabenzeit einer Erzählung seines Vaters, der bei Dowidl Brod in Pest Meschorer war, nach welcher dem berühmten Chasen vom Cultns- Vorstände eine Loge im Opernhanse zur Verfügung stand, um unbemerkt mit seinem Bassisten Ketten (nachmaligem Cantor in Paris) Opern anzuhören und die Melodien nach seinem Gutdünken bei der Nn88aF-E6du8oba in Amvendung zu bringen. Erwähnen wir der Vollständigkeit wegen noch die Thatsache, dass auch Me Sabbat-Mussaf-Schmone-Essre, nne zum Theile bei־ Lecho dodi sporadisch modern-deutsche Anklänge hatten, so ist der Anknüpfungspunkt an das Voistndender modern-deutschen Vortragsweise in der alten Synagoge erschöpfend gekennzeichnet; denn alle übrigen Gebettexte wurden in traditioneller Weise, und zwar in genau präcisierten ״Steigern." vorgetragen. (S/ ״Die Tonarten des traditionellen Synagogengesanges", von I. Singer, ׳Wien): Dass innerhalb her verschiedenen MMagirn, wieMinhag . Polen, Ascbkenasim und S’fardim die Singarten vyn einander abweichen, thut der Sache keinen Eintrag; denn innerhalb eines und desselben Minhag wurden auch die einmal präcisierten Singweisen möglichst seftgehakten.*) Mit der äußern Umgestaltung der alten ״Schule" in eine ״moderne" Synagoge gieng auch die äußere Umgestaltung des ״Chasen" zum ״Cantor" Hand in Hand. Diese äußere Um- Wandlung des Cautors darf jedoch keineswegs, wie es ja so oft der Fall ist, .in der Anlegung eines Ornates mit gefaltetem Tallis und. Chormütze erblickt werden — denn hiezu bedurfte es keiner jahrzehntelangen Entwicklungsperiode— sie findet vielmehr in allerererster Reihe in der Zurückweisung des allgemein üblichen ״Kol" (einer gewaltsam hervorgebrachten Tenorftimme) zu Gunsten der natürlichen, jedoch sachgemäß ausgebildeteu Stimmgattung ihren Ausdruck. Das Verdienst dieser überaus wichtigen und zeitgemäßen Aendernug muß unumschränkt Meister Salzer zuerkannt werden, denn selbst Lowy in Paris fang noch ein ״Kol", allerdings ohne Benützung des bekannten Fingerdruckes aus den Kehlkopf. Eine solch' einschneidende Umbildung des Stimmorgans musste allerdings von vorneherein aus landesübliche, lediglich grelle Tonesiecle, Wort und Gebetinhalt vollständig außeracht lassende Behelfe verzichten, dafür aber in dem neuen Gesangton eine musikalisch-ästhetische Unterstützung der Declamatiou und durch Gruppierung geeigneter Töne die logische Bedeutung der Text- Phrase zum Durchbruche gelangen lassen. Die Bezeichnung ״musikalisch-ästhetisch" zeigt uns am erschöpfendsten die Totalbedeutung des modernen Syuagogengesangsstiles dem alten ״Schnl"-Gesauge gegenüber, den wir ja noch heute, trotz der allerdings sogenannten musikalischen Ausbildung ihrer Chasanim, in der polnischen Schule zu hören bekommen. Intervallen- und Harmonielehre sind noch immer nicht die Gewähr für die Schöpfung eines künstlerischen Gesanges, wenn mit demselben nicht eine geläuterte psychische Anschauung Hand in Hand geht. An dem Mangel dieses letztaugerührten, idealen Seelenausschwnnges, *) An dieser Stelle muß einer in letzter Zeit mir unbegreiflicher Kühnheit in die Welt gesetzten Anschauung, dass es überhaupt keine ״Polnische" Gesangsmanier gäbe, entschieden entgegengetreten werden. So wie cs einen-Minhag Polen gab und gibt, so gewiss ist auch das Borhandensein. einer ״polnischen" Gesangsweife: ein eventuelles Nutteln an dieser Thatsache muß, gelinde gesagt, als leichtfertig bezeichnet werden-