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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1896-12-11 · Heft 30 (11.12.1896) · p. Seite 5

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
16 (1896)
Issue
Heft 30 (11.12.1896)
Date
1896-12-11
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 30. Oesterreich isch-ungarische Lantoren-Zeitrrng. Seite 5, Furchtbare Aufregung ׳aber herrschtein der Gemeinde, als man erfuhr, dass der fromme, gelehrte Rabbider von der Majorität ungemein oerehrt und geliebt- Würde> demissionirt habe. Alle Hebel wurden in Bewegung gesetzt, um ihn zum Verbleiben im Amte zu veranlassen. Ja selbst-die königlichen Behörden wurden bestürmt, in dieser Angelegenheit zu interveniren, damit der Rabbi sich entschließe, in Saragossa zu bleiben. Ben Scheschet war äußerst streng couservativ, daher er jede, , wenn auch unschuldigste Neuerung auf religiösem Gebiete entschieden Perhorrescirte. In Saragossa wie in vielen anderen Gemeinden war es Usus, dass am Purimfeste die ״Megila" in ^,den Synagogen für Fraurn und andere der hebräischen Sprache unkundigen Individuen' in spanischer Uebersetzung vorgelesen wurde. Als Ben Scheschet bei seinem Amtsantritte in Saragossa diesen harmlosen Brauch vorfand,, konnte er nicht umhin, seiner Mißbilligung hierüber Ausdruck zu verleihen und denselben zu verdrängen. Wie gegen Gemeindevorstände, die die Neuerungen einführen wollten, verfuhr er auch gegen ehrwürdige Rabbiner, -die es wagten, freisinnige Gedanken zu äußern, ,rücksichtslos sondergleichen. So z. B. wurde von ihm R, Chajim Galipopa, der damals bereits hochbetagt war, wie ein Schüler schonungslos zurechtgewiesen, weil dieser den Muth Hatte, zu behaupten, man müsse jeden Anhaltspunkt im Talmud hervorsuchen, um Erleichterungen fürs Leben einzufiihren. Solche Reformen, meinte R. Jsak b. Scheschet, wären nur geeignet, Spaltungen und Zerklüftungen im Judenthnme hervor- Zurufen. , In Folge seiner großen talmudischen Gelehrsamkeit erlangte Ben Scheschet einen europäischen Ruf, was wohl aus dem Umstande zur Genüge erhellt, dass er von allen Seiten mit Anfragen in religiösen Angelegenheiten förmlich bestürmt wurde. Seine Responsen sind auch thatsächlich für einen Historiker von großer Wichtigkeit, denn sie enthalten eine Fülle von Daten für die Geschichte der Juden des vierzehnten Jahrhunderts. Ben. Scheschet erlebte jedoch in Spanien traurige und Verhängnisvolle Tage, die ihn am Ende zwangen, dieses Land zu verlassen und nach Algier auszuwaudern, um den furchtbaren Verfolgungen zu entgehen. Die Haarsträubenden, entsetzenerregenden Szenen, die sich damals in Spanien abspielten, waren zum Theil die Folge des Uebernmthes und der Anmaßung der reich begüterten Juden, die den Neid und den Hass des Pöbels und der Pfaffen in hohem Maße erregt hatten. R. Scheschet selbst klagt in seinen Responsen: ״Die Reichen und Adeligen haben blos ihre Ehre, ihr liebes Ich stets vor Augen, auf das Ansehen ihres Gottes aber nehmen sie keine Rücksicht. Besonders grell schildert R. Salomo Alami die Zustände der jüdischen Gemeinden der damaligen Zeit in seiner trefflichen Schrift ״Jgeret Musar". Er sagt: ״Halbwisser und Charlatane suchten die Religion ins . Lächerliche zu ziehen, anstatt sie von den Schlacken zu reinigen. Wenn Jemand ein. philosophisches Buch gelesen hatte, so hielt er sich schon für einen großen Gelehrten und verhöhnte das ganze Wesen der Religion. Die Sabbathe und Feste , wurden auf die verächtlichste Weise herabgewürdigt, die Speisen wurden am Sabbath gerade so wie an Werktagen frisch zubereitet, und die Rabbinen durften es nicht wagen, diese Religionsschändung öffentlich zu geißeln, weil sie sich sonst die Reichen zu ihren Feinden gemacht hätten. In den . Synagogen herrschte die größte Unordnung, sie wurden zuweilen die Schäüplätze blutiger Auftritte und widriger Scandale: Die Andächtigen schwatzten miteinander anstatt zu beten oder lasen profanes Schriften. Während der Vorlesung der Thora verließen Viele das Gotteshaus und? die Uebrigen stritten miteinander, wer zuerst ״vorgerufen" zu werden verdient, so dass gar häufig das Vorlesen aus der Thora Wirt werden musste. Die reich begüterten Streber, denen es gelungen ist, sich in hohen Kreisen Ehrenämter zu ergattern und bei den Fürste» freien Zutritt zu verschaffen, waren stolz auf ihre hohe Stellung und blickten mit Verachtung auf die Armen und Dürftigen, deren traurige Lage sie nicht im entferntesten zu mildern suchen. Und wenn sie ja einmal Almosen vertheilten, so geschah es nur, um sich einen Namen zu machen. Sie hatten nur stets ihr liebes Ich vor Augen und waren nur bedacht, den Luxus in der Mode zu huldigen, auf großem Fuße zu Leben und sich und ihre Frauen und Töchter, gleich den Fürsten und Fürstinnen mit Prachtgewändern, Gold, Perlen und Edelsteinen zu schmücken. Neid, Hass und Verleumdungssucht Waren die Eigenschaften, oder besser die Leidenschaften der Reichen und ״Vornehmen", die sich stets zu befehden und zu bekriegen suchten". Es kann auch nicht geleugnet werden, dass damals die Denunciationen. die früher von den Jude» auf das Entschiedenste pherorriscirt wurden, häufiger vorkamen und heillosen Schaden anrichteten. . Sind selbst Chasdai Creskas, Isaak b. Scheschet, dessen Bruder Creskas Barfat und der greise R. Nissim Gerundi in Folge böswilliger Angebereien in Haft gebracht worden, wo fie längere Zeit schmachten mussten, bis ihre Unschuld erkannt wurde. Die Rabbinen, die damals in Spanien das Recht hatten, als Richter die höchste Sttafe über Verbrecher zu verhängen, kannten daher gegen Denuncianten und Berräther gar keine Nachsicht und verurtheilten fie zuweilen selbst zum Tode. Als jedoch Josef Pichon aus Sevilla, ein Günstling des Königs Heinrich H., von dem rabbinischen Gerichtshof, weil er (Pichon nämlich), aus Rache seine Gegner in eine sehr schwere Anklage verwickelt hatte, zum Tode verurtheilt wurde, sah sich der König Juan I., der seinem mittlerweile verstorbenen Vater Heinrech II. auf den Thron gefolgt war, veranlasst, den jüdischen Gerichtshöfen das Recht, körperliche Strafen zu verhängen, zu entziehen. Das Volk in ganz Sevilla, wie in ganz Castilien war über die Hinrichtung Pichons umsomehr entrüstet, als es einerseits von den fanatischen Pfaffen ohnedies gegen die Juden gehetzt und aufgestachelt wurde, und andererseits Pichon, wahrscheinlich war er ein erbitterter Feind seiner eigenen Stammesgenossen gewesen, eine beliebte Persönlichkeit in Sevilla war. Es dauerte aber nicht lange, und die wuthentbrannte, blutgierige Menge in Sevilla fand Gelegenheit, an den armen, wehrlosen Juden ihr Müthchen in scheußlicher Weise zu kühlen. (Schluss folgt.) Litterstur. Dir Apologetik des Iudrnkhums in ihrer geschichtlichen Entwicklung. I. Theil. Von Dr. Gelbhaus, Rabbiner und Prediger zn Wien. — Das betegte Thema ist hochinteressant und sehr wichtig für die Kenntnis der jüdischen Vergangenheit. Schon aus diesem Grunde gebührt dem Verfasser Dank und Anerkennung, dass er, der Anregung Jellinek's folgend, die Behandlung dieses Themas anbahnte; trotzdem konnten wir bei der Lectüre einige Wünsche nicht unterdrücken. Zunächst fällt der gänzliche Mangel irgend einerDliederung des übergroßen Stoffes auf. Keine Capitel, kein Register — wie soll sich der Leser da zurecht finden? Was die'Darstellung betrifft, dürften Sätze wie der folgende (auf der!..Seite) nicht Vorkommen: ״Der Verkünder der neuen Religion (Moses) zieht daher gegenüber ihren Bekennern die Art ihrer Manifestation, die durch Wünderthateu' erfolgte, und ihre Jnaugurirung in den KrciK derBetrachtung bringt, wenn auch nur flüchtig, andere Völker und. die. Mächte

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