Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 16 (1896)
- Issue
- Heft 29 (1.12.1896)
- Date
- 1896-12-01
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 29. Gesierreichisch-ungarische Lantoren-Zeitung. ^eite 5. Die traurigen Folgen dieser verhängnisvollen Zeiten blieben lücht aus.; Die jüdische Wissenschaft verkümmerte vollends, das Studium des Talmud wurde gänzlich vernachlässigt. Wie hätten auch die armen, bedrückten und verfolgten Söhne Israels, die täglich, jastündlich gefoltert und niedergemetzelt zu werden befürchten mussten, Zeit und Muße gewinnen können, die rpöbinische und talmndische Wissenschaft zu pflegen. Es kam so weit, dass keniltnisarme Leute. sich erkühnten, rabbinische Functionen vorzunehmen und in den wichtigsten religiösen und rituellen Angelegenheiten das große Wort zu führen. Diesen Unfug aus der Mitte der jüdischen Gemeinde zu bannen, war R. Meir b. Baruch ha Lewi aus Fulda, Rabbiner in Wien, (von 1360—1380), eine der hervorragensten rabbinischen Autoritäten. der damaligen Zeit, aus allen Kräften bestrebt und bemühte Er führte nämlich die Promotion der Rabbiner, wie sie in alter Zeit üblich war,/— Semicha — auf's neue ein, indem er anordnete dass kein Talmlldjünger es wagen dürfe, rabbinische Funktionen auszuüben, so er nicht zuvor von irgend einer anerkannten rabbinischen Celebrität hiezu die Autorisation erhalten hat. Nur derjenige, der bei seiner Promotion das Rabbinatsdiplom mit dem Titel ״Morenu" erhielt, durfte ein Rabbineramt bekleiden, Trauungen und Scheidungen vornehmen und in allen rituellen, Fragen Bescheid ertheilen. Wir kommen nun zu dem Streite um das französische Oberrabbinät zurück. In Frankreich, wo nach den Judenschlächtereien das Studium des Talmud eben so tief im Argen lag,. als in. Deutschland, gab es damals außer dem Pariser Oberrabbiner Mathatia b. Joseph Proveuci, keine einzige rabbinische Autorität. Mathatia wurde von sämmtlichen Gemeinden Frankreichs-als-ihr geistliches Oberhaupt verehrt, gewürdigt und gefeiert. Er und seine Familie wurden, da er sich auch der Gunst des Königs Carl V. erfreute, vom Schandflecken auf dem Gewände befreit. Als jedoch Mathatia das Zeitliche gesegnet hatte, wurde dessen ältester Sohn Jochauan zu seinem Nachfolger im Amte von den französischen Gemeinden ernannt. Diese neue Wahl wmde auch vom König bestätigt. Allein kaum wirkte Jochauan-fünf Jahre als Oberrabbiner wie als Leiter einer Talmud-Hochschule in Paris, als Josua b. Abba Mori aus Savoyen, ein ehemaliger Schüler Mathatias, in Frankreich mit einer Völlmacht des deutschen Oberrabbiners Meir b. Baruch ha Lewi aus Wien auftrat und Anspruch auf das französische Oberrabbinat machte. In der Vollmacht, die ihm sein Protektor Meir ha Lewi ausstellte, hieß es, dass er, Jesaia nämlich, allein berechtigt sei, rabbinische Functionen auszuüben, ein Lehr- Haus zu gründen und Rabbiner zu ordiniren; jeder andere aber, der sich erkühnen sollte, ohne seine Erlaubnis ein Rabbineramt zu bekleiden, sei mit dem Banne zu belegen. Diese warme Befürwortung des berühmten deutschen Oberrabbiners Meir ha Lewi verschaffte ihm umsomehr einen großen Anhang in Frankreich, als er thatsächlich den Jochanan in geistiger Beziehung weit überragte. .Jesaia geriete sich als Oberrabiner Frankreichs und wagte es sogar, den Jochanan, weil dieser sich seinen Anordnungen nicht fügen wollte, seines Amtes zu entheben. In Folge dessen entstand eine heftige Aufregung in den Gemeinden, die sich denn doch nicht von einem fremden Oberrabbiner (von Meir hä.Lewi nämlich) ihr religiöses Oberhaupt; aufoctroiren lassen wollten. - Man wandte sich daher an Chasdai Crescas. wie an Jsak b/ Scheschet, ״die catalonischen Großen!', wie man. sie damals nannte, und ersuchte sie, sie mögen entscheiden, auf welcher Seite das Recht sei. Das Nrtheil beider Schiedsrichter fiel zu Gunsten R. Jochauans aus. (Resp. Isaak b. Scheschet 208—279.) Unter den Juden Dgghestans.') Von Ncintrowrtsch-Dantfchenko. Es ist wunderbar, wie im Reiche der Berghöhen der i Geist sich bedrückt fühlt. Ringsum ist alles so ungeheuer!groß. In stolzer Erhabenheit stehen diese Riesen da, mit stückelnden Schueekronen. auf denen das unerreichbare blaue : Himmelszelt ruht. Wäldesdickicht, in das kein Sonnenstrahl, zu chriugeu vermag, bedeckt den steilen Fuß der Berge. In seinem feuchten und stillen Halbdunkel tauchen die gehörnten Köpfchen hübscher Gemsen auf. Vom Hochgebirge herab donnern rastlos, die Wasserfälle, die Gott weiß seit wie vielen Jahrtausenden; die Gipfel der grauen Felsen dort unten aushöhlen und als - krystaüklare Bäche weitereilen. Solch' ein Bach bricht sich Bahn durch den feuchten Wald, durchdriugt die Mengen verfaulender Zweige vom Sturm entwurzelter Bäume und besprengt mit kühlendem Nass die orangefarbenen Schwämme, die gleich Mützen über den feuchten Grund zerstreut sind. Und wenn er in ein Mandelgebüsch geräth, bedeckt er sich ganz mit rosenfarbenen Blüthen. Mau sieht die klare Fluth nicht mehr unter dieser duftenden Schicht Blüthenblätter, die ein leiser Wind von den Zweigen gestreift, die kaum merklich iiber ihnen schwankem Und dort, eine Strecke weiter, wo das Mandelgebüsch sein Ende findet, breitet sich ein ganzes Meer von Veilchen aus. Kommst du hieher, so verschwinden hinter den grünenden Wipfeln der dich umgebenden Kastanien die Berghöhen — und das Gehirn beginnt wieder zn arbeiten, es fühlt aufs neue seine Macht! Es ist so angenehm inmitten des grünen Reiches und so behaglich unter diesem schattigen Laubdach. Ich erwachte früh , am Morgen, und das erste, was ich sah, waren diese wunderbaren Berge mit den großartigen Felswänden, mit den unruhigen Nebelbildungeu, die, ihre Umrisse ändernd, die düsteren Felsen mit dem dunkeln Blau umfassten. .Dorthin zog es mich. Dieses verlockende Blau wirkt ganz eigenartig auf die Seele, es bezaubert durch seine Unbestimmtheit. ' Man weiß ja, dass es dort eben solche Auls mit stachen Dächern gibt, aber doch vermuthet man dort etwas Märchenhaftes, Verlockendes. Unbekanntes. Hier ist alles schon erforscht, wir sind seiner überdrüssig geworden, aber das wahrhaft Poetische, Freundliche, Fesselnde ist dort, namentlich hinter diesem geheimnißvollen Blau. — ״Chacham! Chacham!" hörte ich hinter mir rufen. Durch das Fenster blickt ein zottiger Kopf, hinter ihm wird Mahomed-Ogly sichtbar. In der Hütte brannte schon ein Herdfeuer und in einem kleinen Kessel über demselben kochte und brodelte es. Da sah. es genau so aus, wie in Lappland; der Herd war mit Bruchsteinen umfasst, ein Lehmrohr führte zum Dache empor. Man bedeckt es gleichfalls mit einem Brette und belastet dieses mit Steinen. Eine Unannehmlichkeit haben diese Hütten: man kann nicht in sie eintreten, man muß hineinkriecheu. Die Thür ist niedrig. Die Eingänge aus einer Stube in die andere sind noch schlimmer: es sind nur Löcher, Schlupflöcher für Thiere. Dafür herrscht überall sehr große Reinlichkeit. Man merkt, dass die Wände häufig mit Kalk beworfen werden, der Lehmboden ist festgestampft und kein Unrath liegt auf ihm. Die verschiedenen Geschirre funkeln auf den Wandbrettern, in den Ecken stehen große, schöne, gravirte Krücken. Es gibt auch silberne, die auf großen kupfernen Unterfätzen prangen, auf deren jedem eine der fetten Kühe, die Pharao hn Traume gesehen, Platz finden würde. Auch Spiegel sind vorhanden, doch von der Gattung unserer Bauernspiegel, die zwei Nasen statt einer zeigen, ein Straußenei statt des Auges und eine Art riesigen Igels statt des struppigen Hauptes unseres Wirthes. Rings um den Spiegel hiengen Säbel. Pistolen, Gewehre, Kinshals, auch zwei türkische Jatagaus. Die Pistolen haben silbernen, emaillirten Beschlag, die Gewehre find mit Silber ansgelegt. Bis zur Decke aufgethürmte Betten und > *) Die Inden in Daghestan sind rin kriegerisches Gedirgsvolk.