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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1896-11-21 · Heft 28 (21.11.1896) · page 1

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
16 (1896)
Issue
Heft 28 (21.11.1896)
Date
1896-11-21
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Man bedenke doch, wie das' einst so ausgebreitete Feld des Rabbiners heute brach liegt, und dass derselbe trotz seiner Fedeuümgsvollen Studien weit geringer im Ansehen steht, als ehemals. Ich Witt nicht untersuchen, wieso das kam, aber in allen Versammlungen jüdischer Vereine, in allen Vorstandssitzungen Mrd der.Rabbiner im Munde geführt, und alle Vernachlässigung im Cultus will man ihm in die Schuhe schieben. Man hat ihn zwar bei allen Fragen, welche den Cultus im Mgemeinen betreffen, sanft bei Seite geschoben, doch holt man ihn immer gerne hervor, um der Außenwelt gegenüber das Decörnm zu wahren, damit. es heißt: Es gibt noch in Israel eine geistliche Autorität. In Wahrheit aber gibt es nur eine weltliche, und deren oberster Richter ist der Cultusvorsteher. So will es das Gesetz, und der Rabbiner, selbst der Aw Beth-Din von ehemals, ist nur noch, gerade wie der Cantor, der Functionär der Gemeinde. Ist das zu unserem Vortheil? Wir wollen der Sache etwas näher treten und auf die früheren Zeiten zurückblicken. Jnsolange die Rabbiner Macht hatten, galten noch hebräisches Wissen und jüdisches Wesen, und der Vorbeter hatte die dankbare Aufgabe, verstanden zu werden. Gewöhnlich war auch das Verhältnis zwischen Beiden ein ungetrübtes, wenn der Rabbiner ein leutseliger Charakter und ein humaner Lehrer seiner Gemeinde, der Vorsänger hingegen ein friedliebender und gebildeter Mann war, der den Ernst seines Berufes voll und ganz erfasste. Sind ja Beispiele genug vorhanden, wo das Glück des Einen durch das Hinzüthun des Anderen begründet wurde, und wie einst Mannheimer das Talent Sulzer's aus dem kleinen Alpenstädtchen nach der österreichischen Residenz verpflanzte und damit dem ganzen Cantorenstande, ja dem ganzen israelitischen Cultus eine ungeahnte Bedeutung verschaffte, so mag es noch viele Andere .Unter' unseren Berufsgenossen geben, die dem Votum des Rabbiners ihre SteMmg zn verdanken haben. Dass aber manche Herren Rabbiner ihr Grenzgebiet überschreiten, sich dem Mitfunctionär gegenüber sozusagen auf das hohe Ross setzen, aus reiner Herrschkust das gemüthliche Verhältnis über Bord werfen und das Dasein des Cantors so unerträglich machen, dass er, von innerem Verdruss gequält, die Lust und Liebe zu seinem Amte verliert und auf das weitere Verbleiben in feiner Stellung verzichten muß. hierin wird mir sicherlich die ganze Cantorenwelt zustimmen. And deshalb mag uns bas neue Gesetz vielleicht als eine Morgenröthe erscheinen, die uns den Tag bringt, von welchem an alle Functiouäre von Seite des zur Wahrung des Gesetzes bestellten Vorstandes gleich behandelt werden sollen. Und warum denn nicht? Sind wir weniger geistlich als die Herren Rabbiner? Bestätigt dies ja nebst Anderen in treffender Weise der Schriftsteller Isidor Singer in seiner bekannten, im Jahre 1883 herausgegebenen Broschüre ״Presse und Judenthum" mit folgenden Worten: ״Die Vorsänger bilden in der Gegenwart zumeist das Aschenbrödel unter den Gemeindebeamten, obwohl sie doch die Erben des alten Priesterthums, wie die Massiger die Erben des alten Prop h e t e n t find!״ Man spricht von uns nicht! Das ist wahr, und alle Enunciationen, alle Anträge in Vereinen und Sitzungen beziehen sich heute auf die Abwehr nach außen, damit das Judenthum im Anstürme gegen denAntisemitismus nicht unterliege, denn eine hehre Ausgabe ist es, die Fahne des Glaubens hoch zu halten. Doch dazu braucht man ja den ״Gesandten der Gemeinde" nicht, ein Helfershelfer zu sein im Kampfe gegen die Geister, welche eine unselige Zeit heraufbeschworen. Man hört und sieht ihn am liebsten an der Friedensstätte im Tempel, aber da muß er seinen Mann stellen und nach jeder Seite hin gewappnet sein; denn es ist nicht leicht, Hauptsächlich an den hohen Festtagen, allen Wünschen, welche von dem oft anspruchsvollen Publikum gestellt werden, gerecht zu werden. In dieser Zeit muß dem Cantor daran gelegen sein, nebst der Bethätigung strengsten Pflichtgefühles, von welchem er übrigens das ganze Jahr hindurch erfüllt sein muß, seine Popularität zu erlangen oder, was noch mehr ist, sich dieselbe zu erhalten; denn zu leicht wird die Menge durch Einflüsterungen verschiedener Art. wie fie die Klatschsucht in der Kille mit sich bringen.

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