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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1896-08-01 · Heft 19 (1.8.1896) · p. Seite 6

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
16 (1896)
Issue
Heft 19 (1.8.1896)
Date
1896-08-01
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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Seite 6. Oesterreichisch-ungarische Lantoren-Ieitung. Sör. 19 Umstand,dass. die Kritiker sich gegenseitig noch-: schärfer widersprachen als mir. Ich stand mit meiner Schrift sozusagen in der Witte. Der Eine erklärte mich für. emeu. thörichteu. Optimisten, der Andere Mr einen angstvollen Pessimisten. Bald war der Plan ein Traum in Wolken, bald eine raffinirte Geschäftssache. Die Volkerunter denen wir leben, wären froh, wenn wir giengen, aber wir würde» nicht gehen. Nein, erklärte ein Anderer ebenso bestimmt, man würde uns nicht ziehen lassen, obwohl wir gerne zögen. Natürlich hat man sich auch mit meiner Person beschäftigt, und die Behauptung war verbreitet, dass ich König oder Minister im Judenstaat werden wolle, während Vielen eine andere Ansicht einleuchtete, dass ich auf einen jüdischen Posten im Auslande reflectire, etwa auf den eines Botschafters in Wien. Glauben Sie aber darum nicht, dass ich mich rechthaberisch an jedes Wort klammere, das in meiner Broschüre steht. Es ist ein politischer Gedanke, und in der Politik muß man sich oft non der Nütz- Kchkeit leiten lasten — selbstverständlich unter Festhaltung des Zieles.. Ich habe mich vielfach über meine Irrthümer belehren äffen. In dem Plane sind wichtige Aenderungen eingetreten, welche die praftische Durchführung fordert. Ich wollte ja nur eine Anregung geben, wie man dem tiefen, alten Elend unseres Volkes vielleicht abhelfen könnte. Aber meine Irrthümer wurden unserer -Sache nützlich. Viele sinnreiche Köpfe arbeiteten mit, indem sie meine Fehler berichtigten. Durch Wort und Schrift' wurde der Gedanke des Judeustaates von unseren besten Männern; ausgestaltet und heute fliegt er schon über Land und Meer. Ein Ruf der Zustimmung erhob sich mit Macht an allen Orten, wo; die Juden leiden. So viel Begeisterung hatte ich selbst nicht erwartet, obwohl ich bekanntlich ein Optimist bin. In zahlreichen; Resolutionen von Vereinen und Ve sammlungen wurde ich aufgefordert, der Schrift die That folgen zu lassen. Und so habe ich mich entschlossen, auf dem Wege der That weiterzugehen — obwohl ich bekanntlich ein Pessimist bin. Ich habe alle diese; Kundgebungen, Zuschriften, Resolutionen, Zeitungsstimmen sorg-; fällig gesammelt. Ich wollte sie ursprünglich bei der ersten Gelegenheit, wo ich öffentlich spräche, vorlegen, aber es klänge ruhmredig und könnte den Eindruck machen, als wollte ich auf meiue Pcrsou ablciteu, was offenbar der Sache gilt. Ich werde diese Sammlung von Schriftstücken der Society of Jews abtreten, die sich jetzt bilden soll. Es geht daraus mit überzeugender Kraft hervor, dass der Judenstaat nicht mehr der isolirte Traum eines Einzelnen ist, sondern von Unzähligen getheilt wird. Ich weiß heute schon, und morgen wird es die Welt wissen, dass die Juden ihren Staat haben wollen, wo sie endlich als freie Menschen leben und gedeihen können. Viele reiben sich ja noch verdutzt die Augen und fragen: ob sie träumen oder ob ich träume? Wir haben so viele, viele Jahre hindurch gesagt ״ieschoiioli habooh. biruscholajim" und uns gewöhnt, Las nur für einen Spruch, für einen Seufzer zu halten. Nun soll es auf einmal möglich sein. Die Juden wollen erlöst werden von der Äugst vor immer wiederkehrenden Verfolgungen. Denn selbst in den Ländern, wo unsere Brüder augenblicklich nicht zu leiden haben, i st i h r e F r c u d e e i n e zitternde. Ich habe dafür viele Beweise. Jeder Protest, der von solchen Gutsituirten gegen meinen Plan erhoben wird, ist ein Beweis. Sie meinen, nnt Unrecht, dass ich die Duldung gefährde, die sie genießen, wenn ich vom Judenstaat spreche. Und beim ersten judenfeindlichen Ruf, den irgend ein Individuum ausstößt, fahren sie aus ihrer armseligen Ruhe auf und blicken scheu um sich: Fängt es schon an? Man hat gesagt, dass die Ausstellung der Judenstaatsidee Len Patriotismus der Juden an ihren jetzigen Wohnorten ver- Lächtig mache. Die das glauben, scheinen noch nie zugehört zu haben, wenn mau von uns spricht. Als Fremde werden wir angesehen, im günstigsten Falle als Fremde, die man sich gefallen Mst — bis auf neue Ordre. — — —־ — — — — — -- Zur Stunde wo ich mit Ihnen spreche, beschäftigen sich mächtige Fürsten in ernsthafter Weise mit dem Plane. In welcher Form wird er verwirklicht werden? Das weiß ich nicht. Aber verwirMcht wird er werden, davon bin ich in tiefster '״Seele überzeugt. -Diejenigen׳ die gestern noch über unsere: 'Mhwärmerei lachten, werben morgen beschämt -sein. Es fällt "Mr übrigens-durchaus mcht ein, alle Gegner unseres Planes ׳ für dumm oder schlecht zu erklären. Es befinden sich unter ihnen sogar vortreffliche Männer, deren Leistungen für unsere armen Brüder ich dankbar bewundere. Leider sind sie zu Menschenfreundlich. Es klingt paradox. Einem Volke kann man nicht philantropisch helfen, sonderst einzig und allein politisch. Diese Wohlthäter haben nun einen gewissen Widerwillen gegen' die jüdische Staatsidee, weil sie besorgen, dass das nützliche Colonisationsw e r k gestört werden könnte, wenn die leitenden Kreise erführen, dass die Juden eine Staatsgründung beabsichtigen. Ich kann die Colonisatoren beruhigen, denn ich komme von Eonstantinopel. Der Sultan ist den Jude n gn äd i g g e sin nt. Ich wage sogar zu behaupten, dass die Juden in der ganzen Welt gegenwärtig keinen großmüthigeren Freund haben, als Seine Majestät den jetzt regierenden Sultan! Die Jndenfrage ist aber nicht gelöst, wenn wir ein paar Hundert oder' einige Tausend Familien in Palästina ansiedeln. Ich glaube vielmehr׳/ dass die Gefahr für die Angesiedelten wächst, je zahlreicher sie werden, ohne ihren eigenen staatlichen Schutz zu besitzen. Daun sind sie auf die Gnade wechselnder Machthaber angewiesen. Ein Fürst ist mild, sein Nachfolger hart, wie oft haben die Juden das erlebt. Es nützt absolut nichts, die Augen vor den Thatsachen und ihren nothwendigen Folgen zu verschließen, die jedem historisch Gebildeten klar sein müssen. Die spärlichen jetzigen Colonisirung Palästinas wird man von Seite der Hohen Pforte vermuthlich keine neuen Schwierigkeiten bereiten. Ich glaube jedoch, dass man eine Infiltration in größerem Maßstab absolut nicht gestatten wird, ohne dass darin die mindeste Feindseligkeit gegen die Juden wäre. Einer größeren Insiltration könntc nur d er Staatsgedanke zugrunde liegen. — —; — —׳ — — — — Glauben Sie nicht, dass ich das sage, um die.Führung auch dieser Kräfte des jüdischen Volkes zu erlangen. Es ist im Gegentheil mein innigster Wunsch, mich von der Leitung dieser Bewegung zurückzuziehen, die ganz unpersönlich, rein und stark Ich formuliere das Programm der Society o:fc Jews, die in diesen Tagen gegründet werden soll, in der folgenden Weise: ״Die Society ot Jews m acht s ich zur Aufgabe die völkerrechtlich e Erwerbung eines Territoriums für diejenigen Juden, die sich n i cht assimiliren können." Dieses Programm dürfen, wie mir scheint, auch die besten Patrioten aller Länder unterschreiben. Wenn ich nicht irre, wäre Mr. Holman Hunt sofort dazu bereit. Und Einer vor Allen hätte es wohl unterschrieben, wenn' er die merkwürdigen Ereigniße der letzten Monate erlebt hätte. Es ist schwer, im Trauerjahre nach B a r o n H i r s ch in einer jüdischen Versammlung zu sprechen, ohne dieses Mannes zu gedenken. Es ist viel, es ist genug, wenn man von einem Menschen sagen kann: er hatte ein Herz sür seine armen Brüder.' Darum wird die Gestalt des Baron Hirsch nie aus dem Gedächtnis des jüdischen Volkes schwinden. Wohl glaubte er, dass man den Juden philantropisch helfen könne, aber seine Intelligenz war weit genug, auch auf den politischen Zionismus einzugehen,, wenn er gesehen hätte, dass diese Bestrebung von den Regierungen ernst genommen wird.' An einem Frühlingstage dieses Jahres wurde ich, wie Sie Alle, durch die Nachricht von dem Tode des Baron Hirsch überrascht und tief erschüttert. Und es gab ein seltsames Zusammentreffen: an demselben Tage erhielt ich dieAussorderung, dieSach e der Iuden einem S o u v e r ä n v o r z u tragen. An diesem Frühlingstage starbder wohlthätige Zionismus und der politische wurde geboren. Den Inhalt jener Audienz kann ich vorläufig nur einen! kleinen Kreise von Vertrauensmännern Mittheilen, denn der Souverän von dem ich spreche, der uns seiner wohl- XD 0 lleird e Un t erst ü tz un g g ew ä h r t, -hegt die edle:Besorgnis, dass seine jüdischen Unterthanen es mißverständlich als Antisemitismus auslegen könnten, wenn er die Gründung, des Judenstaates fördern will. Alle Mißverständniße müssen im Worhinrin' beseüigt-'jber'ben: Alle ^Welt!nutz ganz klar sehen in dem, was wir-wollenuM 'Wenn wir die-Sache-auch^ mit deb

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