Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 16 (1896)
- Issue
- Heft 17 (1.7.1896)
- Date
- 1896-07-01
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/1304829-3453365-3453382--4579-3459056- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Oesterreichisch-ungarische Gantoreo - Zeitnni. Redaetion u. Administration Wien, 2. Novaragasse 27. K. f. österr. Postsparcaffe Lheck-Lonto Nr. ,635,240.. IrrsrraLe werden billigst berechnet. Manuscriptc werden nicht retournirt. Ovüiral-OrgLL für die Interessen der Cantoren und Cuttusbramten. Erscheint jeden zehnten Tag. Begründer: Obercantor Jacob Bauer. Pränumerations-PreiS. j JiirQTantor*« u. (Enlt»«i>eamie | in VrNerrrirtz-NnAarir | Ganzjährig.fl. 5.— Halbjäbrig ..... fl. 2.50 FürEantorenn.CuUnsbearnte int Ausland Ganzjährig.10 Mtrk oder 5 Rudel. .3twr Private und Institute Ganzjährig . ... fl. 6.— Abonnementsn. Insertion«- betrage stnd in Wien zahlbar. Nr. 17 Wien, 1. Juli 1896. 16. Jahrgang. Neber die gegenseitigen Pflichten der Lultusgemeinden und deren Beamten. Von Bezirksrabbiner A. Roth in Siklos. Aus dem Inhalte der Erzählung in der laufenden Parschah שלך לך entnehmen wir, dass Israel 40 Jahre in der Wüste herumwandcrn musste, bis es an den Ort seiner Bestimmung gelangte, bis cs kam zu ,מניחה ואל הנדזלד, weil sein Lebenswandet auch in geistiger Beziehung ein wüster und öder war. Ungehorsam, Unzufriedenheit und Unsittlichkeit bemächtigten sich des Volkes, es war in sich zerfallen, zerfahren und zerrüttet, daher konnte es nicht so leicht in das verheißene Land kommen. Eine solche traurige und schaurige Erscheinung finden wir nicht nur bei vielen Staaten, die in ihrem intellektuellen Fortschritte lauge Zurückbleiben, während andere sich schnell geistig und materiell entwickeln, sondern auch bei Gemeinden und einzelnen Menschen, die nie oder sehr spät erst ihr vorgesteckles Ziel erreichen. So gibt es viele jüdische Gemeinden, die kulturell mit Riesenschritten vorwärts kommen und zu Mustergemeinden werden, zu einer עדת ישורון in der edelsten Bedeutung des Wortes, die in jeder Beziehung ihre heilige Mission erfüllen, während andere wieder stagniren und beim besten Willen nicht vorwärts kommen. Gleiche Erscheinungen finden wir aber auch bei den jüdischen Beamten. Es gibt Beamte, die schnell zu dauernden Stellungen kornmen, ihren Fähigkeiten und Eigenschäften entsprechende Gemeinden finden und dort auch verbleiben, während so viele andere fortwährend ein unstetes und flüchtiges Leben führen, ein ewiges ויסעו ויחנו durchmachen müssen und niemals Ruhe finden. Die Ursache dieser verschiedenen Erscheinungen liegt in den günstigen oder ungünstigen Verhältnißen zwischen den Gemeinden und ihren Beamten. So nothwendig es ist, dass Beide sich ergänzen, weil doch eine Gemeinde ohne Beamte nicht bestehen und der Beamte ohne Gemeinde nicht leben kann und beider Wohl und Gedeihen von einander abhängt, so finden wir doch die traurige Thatsache bestätigt, dass eine gewaltige Disharmonie zwischen Gemeinden und Beamten herrscht, die zur Zerklüftung und Zersallenheit führt und die Gemeinde in ihrer geistigen Entwicklungwie die 'Beamten in ihrem Wohlergehen hemmt und 'zurückhält. Soll aber das Wohl und die Zuftiedenheit bei den Gemeinden wie bei den Beamten auf eine lange Dauer gesichert werden, so müssen beide ihre Pflichten gegeneinander streng und prompt erfüllen, weil sie nur dann ihre Zwecke erfüllen und zu dem vorgesteckten Ziele gelangen können. Daher wollen wir in gedrängter Kürze über die gegenseitigen Pflichten sprechen und als Textworte den Vers gebrauchen:עבדי בלב עקב חית׳ דוח אחדת עמו וימלא ״ אחרי והביאותיוMein Diener Chaleb hatte einen anderen Geists . er folgte nach mir, so will ich ihn und seine Kinder in's Land bringen." Zunächst von den Pflichten der Beamten: 1. Die erste Pflicht ist die eifrige und strenge Erfüllung jener Agenden, zu deren Besorgung ein Jeder sich verflichtet hat. Von den Priestern heißt cs im Talmud: בחנים *ריקים חם, die im Dienste Gottes stehen, müssen frisch und eifervoll sein. Die Kundschafter sagten: Wir werden nicht hinanfsteigen, denn es ist für uns zu stark. So gibt es Beamte, denen die Arbeit zu schwer ist, sie sagen, wir sind zu schwach, um die Anforderungen, die an uns gestellt werden, zu erfiillen, und doch kann man Alles, wenn man will, d. h. wenn man nur Alles will, was man kann. Salomon der Weise sagt: ״Was du vermagst mit deiner Kraft zu thun, thue!" Man soll seine Kraft keinesfalls überspanncn, aber was möglich ist, sott man nicht unterlassen. Der Midrasch sagt, der Stock und das Brod kommen zusammengebunden auf die Erde, thust du deine Pflicht, so bekommst du das Brod, wo aber nicht, ist der Stock für dich. Leben und Tod, Segen und Fluch ist in deiner Hand, eine nicht genug zu beherzigende Lehre für den Beamten. Der Beamte, welcher seine Familie liebt, wird stets sagen, ich liebe mein Weib und meine Kinder, ich will nicht frei werden. 2. Die Pflicht der Zufriedenheit. Der Beamte soll stets zufrieden mit dem sein, was ihm beschieden wurde, und nie neidisch aus das sein, was sein College hat. Wenn wir nicht können, wie wir wollen, so müssen wir, wie wir können. Der Beamte hat die Worte jenes Weifen zu beherzigen, welcher sagte: ״Der Knochen, der als Antheil befchieden ist, er sei gut oder schlecht, benage ihn." Es gibt so viele Beamte, die, kaum eine kurze Zeit auf ihren neuen Posten schon zu murren ansangenund, wie unsere Vorfahren in der Wüste, sagen: unsere Seele verdorrt.